Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Rede der Preisträgerin Sara Qaed, Karikaturistin, bei der Entgegennahme des Ibn Rushd Preises am 05. Juli 2019

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich möchte mich zunächst bei den Organisatoren des Ibn Rush Preises, bei der Jury und bei allen Gästen herzlich bedanken. Ich fühle mich geehrt, heute mit Ihnen sein zu dürfen und bin dankbar für Ihr Vertrauen in mir und  Ihre großen Bemühungen, Arabischen Bürgern eine Plattform  zu erteilen und ihre besonderen Leistungen auszuzeichnen, auch wenn sie eigentlich nur ihre eine selbstverständliche Aufgabe erfüllen, nämlich FREI zu denken,  Fragen zu stellen, oder gar zu zeichnen.

Während ich mich daran versucht habe, etwas aufzuschreiben, das es wert wäre, vorzutragen, sammelte ich einige einfache Papierschnipsel zusammen, an die ich mich seit meiner Anfangszeit als Karikaturistin erinnern konnte, (die ich mit Ihnen gerne teilen möchte):
 
Zum Beispiel las ich vor zehn Jahren einmal, dass wir Menschen, als wir noch in Höhlen lebten, über Zeichnungen und Symbolen miteinander kommunizierten. Wir waren dabei so fortgeschritten, dass wir diese Kunst als unsere Hauptsprache betrachten können. Stellen Sie sich vor, es gäbe keine gesprochenen Sprache, sondern sehr individuelle Zeichnungen. Ohne dass es dazwischen einen Vermittler, oder die Mühen einer Übersetzung geben müsste!
Es wäre befremdlich, überhaupt  lächerlich, wenn man diesen Höhlenbewohnern sagen würde, dass man von Beruf Zeichner  sei!

Es war vor zehn Jahren, ich kann mich an einer Nachrichtenmeldung erinnern, die wiederholt in Funk und Bild von einer Familie berichtete, die durch  Bombardierung ums Leben gekommen ist, die ganze Familie. In meinem persönlichen Umfeld, in unserem Wohnzimmer fragten wir uns damals, was wir angesichts solcher Bilder am besten tun könnten bevor uns die Unmengen täglicher Meldungen dieser Art zu Handlungsunfähigen  machen, da sich wohl nichts ändern lasse?

In dieser Zeit begann ich meinen Beruf als Bildmacherin. Zeichnen war immer meine bevorzugte Technik. Ich war und bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass ein Bild durch ein weiteres stark beeinflusst werden kann und das ist, was mir beim Arbeiten große Freude bereitet.
Als Karikaturistin erfolgt die Produktion täglich, manchmal in Eile, manchmal unterschiedlich, tiefgründig und  doch sehr einfach. Die Idee kommt direkt rüber, lässt indirekt jedoch weitere Deutungen zu. Den  Händen gelingt es vielleicht, einen Gedanken zu kreieren, es bleibt spannend zu sehen, was davon beim Publikum angekommen ist, was nicht.
Das Schöne ist, dass die Arbeit so lange bleibt, so lange es die Geschichte oder die Nachricht gibt. Es sind gerade diese Widersprüchlichkeiten, die Karikatur zu  Kunst machen und dem Künstler größte Spannung und Freude bereiten.

Die sozialen Netzwerke haben der Karikatur Raum geschaffen, jedoch kein unbegrenzten. In der Regel werden Karikaturen dort veröffentlicht mit einem begrenzten Rahmen an Interaktionsmöglichkeiten: Liken, Kommentieren oder Teilen. Deshalb starteten wir vor zwei Jahren ein Projekt, das dem Empfänger eine zusätzliche Option bietet: “Vollenden”. In diesem interaktiven Projekt werden Karikaturen in einer Form wiederveröffentlicht, die dem Publikum ermöglicht, aktiv zum Inhalt der Karikaturen beizutragen und damit versucht, die Karikatur von der Einzel-Idee des Künstlers hin zum gemeinsamen Werk von Künstler und Publikum zu bringen. Dieses Projekt sieht in eine Karikaturen nach ihrer Veröffentlichung nicht die Endfassung einer Arbeit, sondern eine Grundlage weiterer Experimente und gibt somit sowohl dem Künstler, als auch dem Empfänger zeitgleich die Chance, das Werk immer wieder neu zu deuten und zu verstehen.

Dieses Projekt und weitere kommen als Wertschätzung der Interaktion der Menschen mit der Karikatur und zur Erweiterung der Wege der Veröffentlichung von den analogen und digitalen Medien bis hin zur freien Interaktion; zum Straßenplakat, zu bedruckten Kleiderstücken, ins Schauspielstück, oder auch sonstige neue Formen, die noch zu experimentieren sind.

Schließlich gilt diese heutige Ehrung allen, die ich in meiner Karikatur thematisiert habe: den  Exilierten, den Verhafteten, den Vermissten, der Frau, all denen,  deren Identität unbekannt ist, all jenen, die ihre Selbstbestimmung verloren haben, den Menschen, die am eigenen Leib erleben, worüber wir zeichnen! Ihnen gilt meine Achtung und mein Respekt. Freiheit für die Lebenden.. und  für unsere Verstorbenen die Ewigkeit.

Ein besonderer Dank geht an meine Mutter, sie ist der Teil in mir, dessen Anwesenheit ich bei jedem Anlass vermisse. sie ist die Heimat, die einem das unbeschränkte offene Recht auf Asyl gibt, unabhängig davon, ob ihre Kinder loyal oder in Opposition sind.

Ihnen vielen Dank!