Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Die Kunst der Karikatur in der Sprache der Frau am Beispiel von Zeichnungen von Sara Qaed

herzlich willkommen
Verehrte Damen und Herren

Zu Beginn möchte ich meinen ausdrücklichen Dank an den Ibn Rushd Fund richten dafür, dass er mir die Ehre erwiesen hat, mich als Mitglied der Jury an den Festivitäten der Preisverleihung 2019 teilnehmen zu lassen. Ich beglückwünsche ganz herzlich die Preisträgerin, die Zeichnerin Sara Qaed aus Bahrain, die damit für ihren tollen/wunderbaren Karikatur-Blog ausgezeichnet wird, welcher jede Anerkennung gebührt. Mein Beitrag zur Arbeit der Gewinnerin widmete ich dem im Blog von Sara Qaed zum Ausdruck kommenden ästhetischen Denken, ich gebe ihm daher den Titel "Die Karikatur in der Sprache der Frau".

Einleitung

-     "Die heiligen Schriften, welchen Nationen auch immer Sie angehören, sind niemals witzig/zum lachen"
        Charles Baudelaire
-     Das Lachen sprach ich heilig; ihr höheren Menschen, lernt mir – lachen! (Zitat recherschiert)
Wörtlich: "Lachen ist eine heilige Sache ... übt euch in Lachen"
        Friedrich Nietzsche

Es ist eine furchterregende und zugleich anmutige narrative, karikative bildende Kunst, die eine beschädigte arabische Wirklichkeit darstellt, nervöse Zeichnungen von erschütterte Personen, die aus ihre vertrauten Körper migrieren, Gehirne, die zu Kaffeetassen werden, in denen beliebige Flüssigkeiten gegossen werden… Banketts, in denen Tyrannen sich am Blut ihrer Völker betrinken und Menschenmengen, die sich dem Deck eines verlorenen Schiffs drängen, tote Körper hier und da, weinende Frauen, gefangen genommene Männer und ein Himmel, von dem Chemie (herunter) regnet,  und irakische Palmen, die im Stehen/aufrecht stehend ermordet werden. Es ist die Welt Erhängter, Gefesselter und Gefangener, die – ohne Heimat - an einem Faden hängen, aus ihrer Heimat Gefallener, die sich im Herzen des schutzlosen Kunstraums zusammendrängen/stapeln, Es ist die Welt Entstellter, verstreuter Körperteile, in einigen Szenen auf dem Boden liegender Hände, ohne tragenden Körper, es ist die Welt der Moscheekanzel (Plural) zur Anheizung/Aufladung des Sektierertums, oder zur Reproduktion von Mördern. Andere beten aus Gier/Habsucht/für Ihre Interessen), die Boote des Todes setzt ihre „Todesmaschinerie“ inmitten des Ozeans fort (Todesmaschinerie ist ein Ausdruck von Fathi al-Maskini), und die Wellen formen ein Fragezeichen. Keiner weiß, wie es weiter geht, das, und mehr. Dies ist die visuelle Welt, die die Künstlerin Sara Qaed zeichnet. Keiner kann sich ihren anmutigen Zeichnungen entziehen/kann ihren … entkommen), sie verführen und entführen dich/nehmen in den Bann) mit der Härte  und Hässlichkeit der Welt, die sie jedes Mal vor dir spannen/entfalten, sie beherrschen dann auch die visuelle Ebene, die dir durch den Kopf geht/triggert die visuelle Ebene, die du kennst), um dich dann dazu zu zwingen, im letzten Moment am Rad der Zeit festzuhalten, in der Hoffnung, dass du die Szene noch rechtzeitig änderst, dass du die Szene sorgfältiger auswählst.

Sara Qaeds Zeichnungen gehören jener Kunst an, deren Geburtsdatum ins neunzehnte Jahrhundert zurück datiert werden kann, erste Praktiken dieser Kunst gehen jedoch schon weiter zurück auf die Zeit der alt-östlichen Zivilisationen, als die Menschheit sich erlaubte, Abbilder der Götter in verzerrter furchterregender Gestalt auf den Höhlen zu malen, als die Götter noch dem Menschen ähnlich waren, sie konnten lachen und weinen und wurden wütend und empfanden Hass oder auch Liebe. Davon erzählte der griechische Dichter Homer, als er die Epen von den griechischen Göttern Ilias und Odyssee schrieb, über dem Herodot einmal gesagt haben soll, dass er „das Unglück der Götter unsterblich“ gemacht habe. (((evt „dass erst das Unglück der Götter sie unsterblich machte??“ ich fand das Zitat nicht): Da aber die Götter ihr Verhalten geändert haben, lachen sie nicht mehr. Stattdessen waren sie nunmehr dazu geeignet, dass man in ihrem Namen tötet, tötet im Namen des Herrn, unter ihrem Banner. Wir brauchen Übungen im Wehklagen (Zeichnung von einer Trauernden) oder ein Training im Lachen – Lachen über uns und über unsere Herrscher, Lachen über unsere Niederlagen, unserem Leid - als würden wir darüber Glück empfinden als Anerkennung der Absurdität der Welt, wie einst Albert Camus geschickt formulierte.

Was hilft uns da raus, bringt uns wieder Freude in unserer dieser Welt, wir gehören einer Ära des Menschenelends, der Globalisierung, existentiellen Dürre und politischen Ruins an, etwa derjenige, der in der arabischen Heimat eine für ihn geeignete Testwerkstatt gefunden hat? Der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamar Sagt „Jede Begegnung mit einem Kunstwerk ist eine gewisse Freude“. Es scheint, dass die Kunst heute tatsächlich die einzige Möglichkeit geworden ist, Freude zu bereiten in jenem schwachen geographischen Teil der Welt, der zum Ausbeuten von einem barbarischen Imperialismus markiert worden ist, welche alles verschlingt, in einer Zeit, die als „schlechte Zeit“ erklärt/gekennzeichnet worden ist, wie einst Hölderlin diagnostizierte, als er fragte: „Aber warum gab es dann Dichter in dieser schlechten Zeit?“. Kein anderer als der große Dichter Paul Ceylon antwortete ihm aus der Tiefe wechselnder Schmerzen „Wir haben noch Lieder, die wir singen werden, länger noch wie der Mensch lebt“ (Zitat?) .. Mit diesem Kampf der Giganten um die Existenz der Menschheit oder um ihre Nichtexistenz setzen sich alle großen Kunstwerke auseinander, die wissen, wie die Schmerzen der Opfer einzufangen sind, die Schmerzen der Marginalisierten, der Verstummten, der Gestrandeten, der Geflüchteten, der in ihren Heimaten Gefangenen, eine Heimat, die zu Festungen, Särge und großen Gefängnissen geworden sind, die die klugen Köpfe, die Träume und Freiheiten beschlagnahmen. Dies ist Einiges von dem, was die Zeichnungen von Sara Qaed sagen, manchmal flüsternd, manchmal hinausschreiend. Gut ist sie im Verweilen in den Labyrinthen der Stille, die in keiner gesprochenen Sprache übersetzbar ist, weil Sprechen von Lüge und Falschheit, von der Absicht, einschüchtern und Gedanken kontrollieren zu wollen, durchdrungen ist. Wie schreiben wir die Stille der Karikaturen, die manchmal töten? Wir erinnern an jene, die den Preis teuer bezahlen mussten: die Journalisten von Charlie Hebdo, vor ihnen noch Honoré Daumier, der in den Kerker kam/eingesperrt wurde), weil er den König Louis-Philippe in einem Bildnis unvorteilhaft/verzerrt darstellte. Vergessen wir auch nicht de Ikone aller arabischen Karikaturisten, Naji Al-Ali, der wegen seiner Karikaturen (Anklage „Karikatur“) ermordet wurde. Wie geben wir seiner Figur Hanzala den Bleistift zurück, wenn das Blei seines Stiftes stärker ist als das Blei der Kugel des Gewehrs? Da! Hanzala ist zurückgekehrt, in der Gestalt einer leiblichen Frau, die weibliche Form (Hanza-la) war ihm schon von der Sprache gegeben. Sara Qaed setzt den Widerstandskampf, den Hanzala begonnen hat, auf kreativer, außergewöhnlicher, wunderbaren und zugleich erschreckenden Weise fort.

Wir sollten/Ich möchte)) auf die künstlerische Qualität des Karikaturblogs der Preisträgerin aufmerksam machen, auf die Vielfalt der künstlerischen Ziele, ferner auf die humorvollen kreativen Methoden und die Fähigkeit, Geschehnisse in ihrer ungeschminkten rohen, nakten (oder fleischlichen) Form zu erfassen, in all seiner Qual, Grausamkeit und Hässlichkeit, die nicht vorstellbar sind. Der Blog verfolgt, was geschieht und was geschehen wird, es holt die Wirklichkeit ein und wirft sie an ihre Grenzen mit all den Fertigkeiten und Methoden der Karikaturkunst, von Übertreibung und Verzerrung der Formen bis zur Destabilisierung der falschen Zuversicht in Regime, Lobbygruppen und politischen Agenden. Dies ist, was uns ihre wunderbaren Bilder zeigen, die allen Formen der Tyrannei in der arabischen Welt die Stirn bietet, eine Tyrannei, die in Form einer „abnormalen Beziehung“ mit den Lobbys des Terrors dargestellt wird, die  Verwüstung verbreiten und den Völkern ihre Träume und Heimat beschlagnahmen. Dieser Willkür und diesem Terror wird mit Schweigen begegnet, es ist das  Schweigen jener, die kollaborieren, die mit den Völkern Handel betreiben, wie es im Bild dargestellt wird, das zeigt, was innerhalb der Arabischen Liga geschieht, deren Haltung als beschämend empfunden wird. Willkür und Terror und das Schweigen der Verräter sind ein schreckliches Dreiergespann, das sich gut verkauft über die Mediennetzwerke der Propaganda und Domestizierung und Gehirnwäsche, welches die Entziehung der Freiheit der Meinungsäußerung und des freien Denkens zur Folge hat, wie die Zeichnungen „Das Gebundene“ und  „Zeichne mich..“ darstellen.

Sarah Qaeds Zeichnungen zeigen eine visuelle Welt auf sehr außergewöhnliche Weise: in seiner Grausamkeit und totalitären Wirklichkeit und den Kulissen seiner Turban tragenden Hässlichkeit. Wenn du ihr Workshop betrittst, musst du deine offizielle Brille absetzen/ausziehen, es erwarten dich neue sichtbare und unsichtbare Wahrnehmungen Zeichen, Symbole von Räumen und Lichtern, Blicken, Formen und Gesten in Zeichnungen, die aus dem Boden drängen und sich sammeln, wo es keinen weiteren Platz gibt, weil die Welt, die sie in ihren Zeichnungen involviert, im Begriff ist, niederzugehen oder ihr Niedergang bereits zu Gange ist.

Wir können die wichtigsten künstlerischen Ziele, die Sara Qaed in ihrem Karikaturen- Blog für sich setzt, in drei dringende Fragen zusammenfassen: die Frage des Extremismus, die Frage der Flüchtlinge in den Booten des Todes und die Frage der aneinanderreihenden arabischen Katastrophen, in denen Heimaten verkauft, Völker vertrieben und Hunderte von unschuldigen Opfern getötet wurden.
Was die Frage des Extremismus und Terrorismus betrifft, so kommt dies in zahlreichen Karikaturen zum Thema, unter anderem die erste Zeichnung mit dem Titel „Produktion des Extremismus“, in der die Künstlerin den Extremismus als gigantische Maschinerie/Maschine darstellt, die auf serielle Reproduktion ausgelegt ist; ein System der Domestizierung und Zwangshaltung und Gehirnwäsche kommt ins Rollen, bis es zur Reproduktion von Extremisten, also Killern, endet, denn der Extremismus ist eine Maschine zum Heranzüchten von Killern.

Das zweite Bild trägt einen interessanten Titel, der zum Nachdenken anregen soll: "Was soll ich anziehen, um zu töten?" Denn Morden geschieht hinter vielen Masken. Das dritte Bild hat den Titel „Im Namen des Herrn“. Alle töten im Namen ihrer eigenen Religion, Religionen verwandeln sich alle in einem blutigen Schauplatz.

Ein viertes Bild schockiert in seiner Grausamkeit, darin ist ein Terrorist zu sehen, der ein Buch hält, aus dem Vögeln herausfliegen, die er sogleich in Bomben und Sprengstoff verwandelt. Es stellt dar, wie das Heilige Buch entwendet wird und ein Mittel zur Tötung unschuldiger Menschen wird. Was die Frage der Flüchtlinge in den Booten des Todes betrifft, so nenne ich hier nur die Skizze mit dem Titel „über und unter den Ozean“ .

Wie Sie sehen, sind es viele Ideen, die dieser qualitativ ausgezeichnete Kunst-Blog anregt, die  die hohe Kunst der Karikatur unter Beweis stellen/die Zeugnis ablegen von der Hohen Kunst der Karikatur)), und Sara Qaed in den Reihen großer arabischer Künstler vor Naji Ali stellt, oder auch in den Reihen westlicher Karikaturisten, die seit Entstehung der Karikatur vor Goya berühmt wurden. Sara Qaeds Zeichnung „Chemikalien vom Himmel“ ist zum Beispiel ein Bild, das in seiner bildnerischen Ausdruckskraft mindestens so gut/stark ist wie die sprachlich unterstützte Karikatur “Wallfahrt nach San. Isidro“.. Aber der wichtigste Schwerpunkt, den  ich in meinem Beitrag setzen will, - und das ist auch das dritte Ziel dieses Blogs - ist das Bild der Frau. Die Frau als künstlerisches Objekt, als visuelle Bedeutungsträgerin,  als bildnerisches Arbeitsfeld, um  neue Bedeutungen zu produzieren und das Sichtbare anders zu sehen. Die Frage ist: Wie kann man narrative Karikaturen aus der Sicht einer Frau zeichnen?

Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, bin ich zu einigen Zeichnungen zurückgekehrt, bei denen das Frauenbild als ausdruckstarkes oder semiotisches Mittel eingesetzt wird, um die arabische Wirklichkeit zu erfassen, so wie auch die Wirklichkeit auf die Köpfe der Völker eingeschlagen war, als ihre Städte zerstört und ihr Gedächtnis gelöscht wurde und der Anblick von Blut zu Alltags-Eilmeldung wird. Aber wir sollten achten auf die Natur dieser Frau, die Sara Qaed in so vielen Zeichnungen darstellt. Mit dem Einklinken im/Beteiligung am))) feministischen Aufschrei über Männer- und Frauenfragen hat es nichts zu tun. Vielmehr mit der Frau als bildnerischer Träger (Kunstträger) und Kämpferin, um die Grausamkeiten, die geschehen, zu verurteilen und den Rest, was noch vom Schlüssel der Zukunft übrig ist, zu retten.

Das Bild, das uns hier interessiert/beschäftigt, trägt den Titel „Von der einen Katastrophe in die nächste(n)“, es erinnert an die vier Birnen („Le Poires“) des wohl größten aller  Karikaturisten Honoré Daumier, der darin den König Louis-Philippe verspottete.

„Von der einen Katastrophe in die nächsten“: Ein Cartoon, der die Zahl vier verwendet, nicht, um sich über tyrannische Könige lustig zu machen, hier ist das Ziel ein anderes. In dieser Zeichnung erleben wir ((die Anwesenheit von)) vier Frauen: Jede Frau wird zum Symbol für die Notlage eines arabischen Landes, um welches Land es handelt, darauf weist ein spezifisches Sprachzeichen hin. Jedem Symbol, also jeder Frau, wird ein weiteres indikatives Zeichen zugeordnet: Ein Schlüssel, den die Frau am Hals trägt, Tränen, die aus ihren Augen fließen. Die Zeichen sind für die vier Frauen nicht die gleichen. Es kann im Bild auf der Symbolebene eine Entwicklung beobachtet werden: von der Steh- in die Sitzposition, zwischen Stehen und Sitzen sind die Bedeutungen/Assoziationen), welche mit Tränen aufgeladen werden, die immer heftiger fließen. Es entsteht das Bild von schwerer Last, von körperlicher Erschöpfung und großen Trauer, von einer Zeit, die das Schrecken/die Schicksalsschläge/das Grauen)) gesehen hat, das/die) auf den Schultern der Frau lastet, die sich geißelt und auf Kosten ihrer Trauer mit allen Katastrophen/Unglück sich zurecht finden uss/leben muss). Der philosophische Wert dieses Bildes, das so etwas ist wie eine „sichtbare/visuelle Idee“, wenn man den schönen Ausdruck von   Rudolf Arnheim (1973) verwenden will, liegt jedoch in der Aufschreibung der Geschichte zeitgenössischer Araber nicht aus der Sicht der Staaten und ihren falschen Agenden, sondern aus der Perspektive der Kriege und Katastrophen, das heißt aus der Sicht der Geschichte der Opfer. Das wichtigste Merkmal, was dieses Bild auszeichnet, ist die stufenweise Aufladung mit tragischen Inhalten, jedes Mal ein bisschen mehr. Die sukzessive Aufladung der Last, die jedes Mal sichtbar schwerer wird, ist übrigens die ursprünglich sprachliche Bedeutung der Kunst der Karikatur selbst. Der Unterschied zwischen den vier Frauen scheint in der Schwere/dem Grad) der Grausamkeit und des Schreckens zu liegen, von dem, was passiert, wo die arabische Geschichte in die Katastrophe führt. Die Tränen der Frau und der Ausdruck in ihrem Gesicht erzählt jedes Mal eine  Geschichte aus Zeichen, die uns auf dem Gebiet des schwarzen Humors und Sarkasmus weit trägt und zu einem erstaunlichen Kunstraum entführt. Die tiefe Bedeutungssymbolik scheint nicht nur darin zu liegen, dass die Frau fähig ist, die Tragik der Situation zum Ausdruck zu bringen, sondern insbesondere auch deshalb, weil sie den Schlüssel der Heimat trägt, den sie bewacht/auf dem sie aufpasst)), als letzte Hüterin von dem, was von der betrogenen Heimat noch übrig geblieben ist. Ästhetisch und philosophisch bedeutsamer ist, dass diese Zeichnung fähig ist, die Frau aus ihrer traditionellen, stereotypisch Darstellung zu befreien, als Ehefrau/Harem oder als Opfer maskuliner Herrschaft. Die Kunst steht ist hier jenseits allen ideologischen Anstrengungen, die die Frau einzuvernehmen veruchen, ob in theologischer oder liberaler Hinsicht, welche Frauen als Harem/Ehefrau oder als Ware verkaufen/vermarkten. Sara Qaed gibt der Frau eine kreative, ästhetische und semiotische Wertschätzung, die über alle klassischen Kämpfe für die Befreiung der Frau hinausgeht. Die Frau hier hat keine geschlechtsspezifische Identität, sie ist vielmehr ein Unikat mit einer tiefen symbolischen Dimension, sie ist das Symbol für die Heimat, sie ist die einzige Hüterin des Schlüssels der Heimaten und deren Zukunft. Die vier Frauen sind hier eine semiotische Ikone für die Möglichkeit der Einheit der gebeutelten arabischen Völker, zumindest auf dem Weg der Kunst, was sagen will: uns bring die Politik auseinander, und die Kunst bringt uns wieder zusammen/vereint uns wieder). Darüber hinaus weisen wir hier auf die tiefe symbolische Dimension der Zahl „vier Frauen“: aber Sara Qaed zerstört gleich wieder diese religiöse Assoziation aus dem religiösen Schrifttum (vier Frauen, das sind die vier, die das religiöse Establishment dem Mann eingeläutet/einräumt“). Sie erfindet einen neuen Kunstraum und gibt ihnen eine gehobene kreative Semiotik/Zeichensymbolik), und es findet eine Migration der Bedeutung aus ihren gewohnten Plätzen statt: Die Frau ist hier die Hüterin der ((Existenz/Daseinsberechtigung, [evt streichen])) der (von Krisen) geschlagenen Völker,  in einer Zeit, in der der Mann gescheitert war, dies zu sein. Auch der Mann wird hier nicht von  seiner geschlechtsspezifischen Identität aus betrachtet, sondern aus einem autoritären System, dessen Opfer er selbst ist.

Vielleicht ist die wichtigste Zeichnung, die Sara Qaed im Kontext der Karikaturkunst in der Sprache des Weiblichen/der Frau geschaffen hat, die Zeichnung mit dem Titel „Sekunden“. Darin sind sieben Frauen zu sehen, die sich an einer Uhr klammern, als wäre das Festhalten der Zeit - selbst in der schwächsten Anstrengung, das zu tun - die einzige Hoffnung, sie ändern zu können. Im Bild gibt es ein Absurdum, das durch eine Gegenüberstellung zum Ausdruck kommt, und für das es keinen Ausweg gibt: Auf der einen Seite sieht man die Frauen, die sich am Rad der Zeit krallen, als würden sie beinahe aus der Geschichte fallen, durch einem Albtraum (?) und ??? und durch dunklen Nebel. Auf der anderen Seite sieht man zwei Hände eines Mannes in Ketten aus einem eisernen Käfig kommen. Er scheint dort ein Gefangener zu sein. Auf der einen Seite also ein Mann, der Gefangener in einer Zelle ist, auf der anderen Seite Frauen, die Gefangene am Rad der Zeit, der letzten verbliebenden Sekunden, sind. Eine  Beziehung zwischen Frau und Mann ist unmöglich, auch deshalb unmöglich, weil der Mann der Frau nicht helfen kann, die Uhrzeiger zu drehen, und weil die Frauen nicht imstande sind, ihm zu helfen, sich von seinen Fesseln zu befreien, weil sie am Rad der Zeit hängen, Geisel jenes Kreises, der kein Erbarmen hat. Jedes dieser Frauen ist eine Sekunde im Rad der Zeit. Sie versuchen, sich festzuhalten, um den Verlauf der elenden/traurigen/armseligen) Geschichte zu korrigieren. Sie können sich aber nicht auf den Mann für Hilfe verlassen, weil er selbst Opfer des Herrschaftssystems zu sein scheint und auch nicht imstande ist, mit der Zeit mitzuhalten.

Was den Titel betrifft, so ist er amüsant und schön zugleich:  Die „Sekunden“ (thawani) lassen eine doppelte Bedeutung zu: Auf der anderen Seite sind Frauen in der traditionellen Denkweise/Rolle „sekundär“ oder „Nebensache“ (thawanin oder thanawiyya), auf der anderen Seite sind es Frauen, die imstande sind, sich an der der letzten ihnen verbleibenden Gelegenheit festzuhalten, um die Zeiger der Uhr zu ändern, in letzter „Sekunde“.

Ein weiteres Bild von hoher Ausdruckskraft trägt den Titel „Die von ihr Gefallenen/Abtrünnigen/Die Betrüger/Verräter? - Palästina“ Im Bild sieht man eine Frau, die die Karte von Palästina hält, oder was von ihr übrig ist. Sie erscheint am oberen Rand des Bildes. Zugleich sammelt sich eine Menge, Männer, die sich um die Karte scharen, jeder von ihnen will  darauf Hand anlegen. Das sind die arabischen Herrscher, die die palästinensische Sache verraten und verkauft haben und immer noch darum streiten, die Träume ihrer Kinder zu verkaufen.

Obwohl sich Sara Qaed als Zeichnerin fortlaufend mit den Ereignissen in unseren Heimatländern, dem Elend und der Krisen, auseinandersetzt, und obwohl sie die Künste des schwarzen Humors und des Sarkasmus meistert, sind ihre Bilder auch Meisterwerke im Strömen von Licht. Es gibt auch die strahlende Seite der Katastrophe. Die Kunst der Karikatur aus der Feder von Sara Qaed ist keine traurige Kunst, auch wenn sie überfüllt ist von Katastrophen, vom Blut ihrer Opfer, und den Willen der Herrscher auf Kosten der Menschen und ihr Leid. Wir haben es mit einem Blog zu tun, der Hoffnung verspricht und an der Fähigkeit glaubt, eine bessere Welt zu erfinden. Und das ist die wahre Botschaft der Künstlerin. Stendhal schrieb einmal, „Schönheit ist ein Versprechen von Glück“, nach ihm haben das gleiche sowohl Nietzsche als auch Adorno gesagt, sie prägten den Spruch  „Kunst ist das Versprechen von Glück“. Derrida sagte über/nach Paul Cezanne, „Die Kunst des Zeichnens ist das Versprechen an die Wahrheit//der Wahrheit treu zu bleiben“. Aber zwischen Wahrheit und Glück besteht immer die Hoffnung, die Welt zu verändern. Dies ist, was Alain Badiou schrieb:. „Der Wunsch, die Welt zu verändern, ist das wahre Glück“. Deshalb zeichnete Sara Qaed die Karikaturen „Yes we can“ und  „Es gibt Dinge, die nicht einfrieren/gefrieren.“ Die Mutter zeichnet einen Liebesbaumes, seine Früchte sind die  Töchter, die aus der Zukunft kommen. Ist es nicht die Frau, die die Zukunft des Mannes ist, wie Louis Aragon einst schrieb?

Ich fasse zusammen: Die Werke der aus Bahrain stammenden Künstlerin Sara Qaed – die 2019 mit dem Ibn Rushd Preis ausgezeichnet wird – zeichnen sich durch eine ungemeine Kreativität und anmutige Intelligenz aus und der Fähigkeit, Gestalten zu erfinden und Zeichnungen sprechen zu lassen, Bedeutungen und Konnotationen zu gestalten mit außergewöhnlichen, freundlichen und künstlerischen Mitteln. Vielleicht ist ihr vielseitiger Blog, und ihre umfangreiches Werk größtes Zeugnis/Beweis für die Großartigkeit dessen, was diese arabische Künstlerin an kämpferischer Kunst produziert, die sich über Regime, Lobbys und arabischen Papp-Regierungen lustig macht, womit sie arabische Despoten in den Mülleimer der Geschichte wirft, ebenso jene, die die gerechte Sache betrogen/verraten, und jene, die mit Landkarten und Blut handelnden.  Sie schafft ein erzählerisches Kunstwerk für die Generation der Zukunft, in der Hoffnung, dass die Zukunft immer näher heranrückt an dem, wo wir sind, mit den minimalsten Verlusten und Opfern. Und ohne ein neues blutiges Bankett.

Dr. Prof. Omézine Ben Chikha al-Maskini ist Professor für Kunstphilosophie an der Universität Tunis – al-Manar