Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Fatima Ahmed Ibrahim

Fatima Ahmed Ibrahim wurde 1933 als Tochter eines Lehrers in eine gebildete und religiös engagierte Familie in Khartum/Sudan geboren. Auch ihre Mutter hatte während der britischen Kolonialverwaltung eine gute Schulbildung genossen, was für Mädchen ihrer Generation noch sehr außergewöhnlich war. Fatima besuchte die einzige höhere Schule für Mädchen im Land und bestand mit Bravour das Cambridge Certificate, das sie zum Studium an der Universität von Khartum berechtigte. Dagegen allerdings erhob ihr Vater Einspruch, weil er befürchtete, dass Koedukation für Mädchen ungeeignet ist.


Seit 1952 engagiert sie sich in der Frauen-Union des Sudan und versucht, den Frauen durch Gründung einer Zeitschrift eine Stimme zu geben. Sie stößt anfangs auf Widerstände, weil eine journalistische Betätigung für Frauen noch verboten ist. 1954 tritt Fatima Ibrahim unter dem Einfluss ihres Bruders in die Kommunistische Partei ein und wird Mitglied des Zentralkomitees. Die Kommunisten hatten bereits 1947 eine Frauen-Liga gegründet und waren die ersten, die es Frauen ermöglichten, am politischen Leben aktiv teilzunehmen. Nach Überwindung vieler Hindernisse erscheint unter ihrer Leitung im Juli 1955 die erste Ausgabe des Frauenmagazins Sawt al-mar’a (Stimme der Frau), das eine Vorreiterrolle im Widerstand gegen die Militärregierung von Abboud (1958-1964) übernimmt. Als Vorsitzende der Frauen-Union kämpft Fatima Ibrahim um die Unabhängigkeit ihrer Organisation und führt sie auf den Weg zu einer Massenbewegung. Bis heute ist die Frauen-Union die größte Frauenbewegung im Sudan, die auch die drei Militär-Regierungen überlebt hat, wenn auch zeitweise im Untergrund. An der sudanesischen Oktober-Revolution von 1964 ist die Frauen-Union maßgebend beteiligt und geht daraus siegreich hervor: Frauen erhalten das aktive und passive Wahlrecht.


1965 ist Fatima Ibrahim als erste Frau Abgeordnete im Parlament ihres Landes. 1968 werden alle von ihr eingebrachten Gesetzesvorlagen angenommen, darunter die Gleichstellung der Frau bei der Berufswahl, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Mutterschutz und Recht auf höhere Schulbildung für Mädchen. Ihre Partei fordert weitgehenden Schutz vor Zwangsheiraten und Verheiratung von Minderjährigen sowie vor der Vielehe. Man fordert umfassende medizinische Versorgung auch der Landbevölkerung und das Verbot von Kinderarbeit.


All diese Ansätze gehen unter, als an-Numairi 1969 durch Staatsstreich an die Regierung kommt. Im gleichen Jahr heiratet Fatima Ibrahim al-Shafi’ und bringt ihren Sohn Ahmed zur Welt. Das Ehepaar wird gemeinsam von Nasser für seine Arbeit ausgezeichnet und aufgefordert, seine Erfahrungen auch in Ägypten einzubringen. Sowohl ihr Mann als auch Fatima Ibrahim boykottieren von Anfang an-Numairis Regime und verweigern jede Form der Zusammenarbeit, sodass es 1970 zum Bruch kommt. Abtrünnige Frauen gründen eine Splitter-Union, die in an-Numairis Partei, der Sozialistischen Union, aufgeht. Trotz des Dissens wird Fatima Ibrahim einvernehmlich zur Vorsitzenden gewählt. Als ihr Mann 1971 in an-Numairis Militärlagern gefoltert und hingerichtet wird, wird auch seine Ehefrau verhaftet und vom Innenminister verhört. Sie wird zu zweieinhalb Jahren Hausarrest verurteilt. Dieses Leid bestärkte Fatima Ahmed Ibrahim jedoch umso mehr, ihren Kampf für Arme und Unterdrückte weiterzuführen. Sie beteiligt sich an Prozessionen der Märtyrer-Witwen und verfasst Memoranden an das Militärregime at-Turabis und al-Baschirs. Sie erleidet weiter Verfolgung und Gewalt. Als sie den Sudan mit ihrem Sohn verlassen will, um sich in England einer medizinischen Behandlung zu unterziehen, wird sie am Flughafen von Khartum zurückgehalten. Ihr Pass wird eingezogen, und sie kommt erneut ins Gefängnis. An-Numairi droht, sie vor ein Militärgericht zu bringen und sie zu lebenslanger Haft verurteilen zu lassen. Nur der massive Protest aufgebrachter Sudanesen auf den Straßen von Khartum hindern das Gericht, an-Numairis Vorderung auszuführen. Nach Einspruch von Amnesty International wird Fatima aus dem Gefängnis entlassen und erhält die Ausreisegenehmigung.


1990 erreicht die sudanesische Politikerin London, wo sie bis 2005 lebt und weiter mit nicht nachlassender Energie und internationaler Unterstützung für die Durchsetzung von Frauen – und Menschenrechten kämpft. Auch im Exil organisiert sie Demonstrationen, als sudanesische Mädchen von der Ahfad-Universität verwiesen werden, weil sie keinen Schleier tragen. Auch das Kidnappen junger Männer für Kriegsdienste prangert sie als Verletzung der Menschenrechte an. Fatima Ibrahim gründet in London einen Zweig der sudanesischen Frauen-Union und kann 2002 das Goldene Jubiläum ihres Bestehens feiern.

Heute lebt Fatima Ahmed Ibrahim im Sudan und ist Abgeordnete im Parlament.


Zahlreiche Auszeichnungen im Sudan sowie internationale Anerkennung weltweit zeugen vom Erfolg, den Fatima Ibrahim mit ihrer lebenslangen Arbeit hatte. 1991 wurde sie zur Vorsitzenden der International Democratic Women’s Union gewählt, 1993 wurde sie mit dem UN Award für ihre Verdienste um Menschenrechte ausgezeichnet.


Neben zahlreichen Veröffentlichungen in arabischer Sprache liegt eine englische Schrift von Fatima Ibrahim vor: „A roaring outcry to shake the world conscience“. Gegenwärtig arbeitet sie an „Botschaft an meinen Sohn Ahmed und seine Generation“ sowie an einem anderen Buch über ihren Ehemann al-Shafi’.