Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Laudatio von Prof. Dr. Stefan Wild

Mohammed Arkoun, Ibn -Rushd-Preis für freies Denken 6. 12. 2003

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Einleitung

Dieses ist das fünfte Mal, dass der Ibn Rushd-Preis für freies Denken vergeben wird, und es ist das erste Mal, dass er an einen Universitätsprofessor und zwar an einen Islamwissenschaftler verliehen wird. Ein solcher Preis hat meistens eine doppelte Funktion. Zum ersten soll eine Person dafür geehrt werden, dass sie sich Verdienste erworben hat, dass sie eine gute Sache unterstützt und in besonderer Weise gefördert hat. Das ist die auf die Vergangenheit bezügliche Funktion dieses Preises. Er gilt heute dem gesamten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Wirken des Preisträgers Mohammed Arkoun. Mohammed Arkoun hat in einer großen Anzahl von Büchern, als Herausgeber der international hochgeachteten Zeitschrift „Arabica“ und als akademischer Lehrer das Gesicht der Islamwissenschaft in Europa geprägt. Der Preis ist aber zweitens auch auf die Zukunft bezogen. Die Verleiher des Preises geben damit ein Zeichen, in welchem Bereich in Europa und in der arabisch-islamischenWelt im Sinne dieses Wirkens weitergegangen werden soll. So möchte ich auch diese laudatio in zwei Teile teilen, einen ersten längeren Teil, in dem ich in der gebotenen Kürze die wichtigsten Elemente des akademischen Wirkens von Mohammed Arkoun darzustellen versuche. Im anderen viel kürzeren Teil dieser Ausführungen möchte ich auf die Zukunftsperspektiven eingehen, für die der Ibn Rushd Preis für Freies Denken Symbol ist.

A. Mohammed Arkoun - ein Leben für eine andere Wissenschaft.


Mohammed Arkouns Leben und Werk kann man vielleicht am besten beschreiben, indem man es als eine konstante Grenzüberschreitung charakterisiert. Da gibt es erstens die Grenze der Herkunft. Mohammed Arkoun wird 1928 in der algerischen Grossen Kabylei geboren, er ist berberischer Herkunft. Er überschreitet bereits während seines Hochschulstudiums die geographische Grenze des Mittelmeers von Algier nach Frankreich. Er studiert an der Sorbonne, wird Franzose und überschreitet damit zuerst eine linguistische, dann auch eine politisch-kulturelle Grenze. Jede Grenzüberschreitung ist Anstrengung, Abschied und Trauer, aber auch Neubeginn, Chance und Glück. Jede Grenzüberschreitung läßt auf der einen Seite der Grenze Menschen zurück, die den Abschied bedauern. Auf der anderen Seite der Grenze ist nicht jeder stets willkommen. Das bedeutet: Grenzgänger haben es nicht immer leicht. Seit 1968 ist er Professor für Islamische Ideengeschichte und Philosophie an der  Sorbonne (Paris III). Er war ein gesuchter Gastprofessor an vielen Universitäten und wissenschaftlichen Instiutionen. Vielleicht darf an dieser Stelle mindestens gesagt werden, dass er auch Berliner Wurzeln hat: er war im Jahr 1986/87 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Diese Überschreitung von Grenzen charakterisiert auch seine Forschung. Mohammed Arkoun hat in einem Artikel einmal das Lebenswerk eines berühmten französischen  Kollegen mit den Worten „Transgresser, déplacer, dépasser“ charakterisiert. Diese Worte: „Überschreiten, entfernen, überholen“ bezeichnen auch ein Merkmal des Wirkens Mohammed Arkous. Angefangen bei seiner ersten Studie über Miskawayhi, einen  Philosophen und Ethiker des 10. Jh., bis zu seinen letzten systematischen Studien ist er damit beschäftigt, eine wissenschaftliche Methode zu entwickeln. Die Lehre von der Methode wissenschaftlicher Erkenntnis, die Epistemologie, ist sein Steckenpferd. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass der Islamwissenschaftler wie jeder andere  Wissenschaftler sich und anderen über seine Methode Rechenschaft geben muß. Mohammed Arkoun hat sich Zeit seines Lebens begeistert dafür eingesetzt, in der Islamwissenschaft den ganzen Reichtum der  geisteswissenschaftlichen Methoden unserer Zeit anzuwenden.

Das zweite grundlegende Konzept neben der Epistemologie und eng damit verbunden ist das der Kritik. Dabei geht Mohammed Arkoun keinem Konflikt aus dem Weg. Er kritisiert die „orientalistische“ traditionelle europäische Islamwissenschaft, die auf einem essentiellen, ewigen Unterschied zwischen Ost und West beruht. Er kritisiert ebenso die veralteten und überholten Konzepte vieler arabisch-islamischer Denker, die glauben, es genüge alte Formulierungen zu  wiederholen, um zu wissenschaftlicher Erkenntnis zu kommen.

Mit dem Wort kritisch ist hier aber nicht nur im vordergründigen Sinn eine möglichst vorurteilslose Betrachtung gemeint, sondern das Wort „Kritik“ wird hier im umfassenden kantischen Sinn verwendet. Immanuel Kant hat seinen drei Kritiken (der Kritik der reinen Vernunft, der Kritik der praktischen Vernunft und der Kritik der Urteilskraft), den vielleicht berühmtesten philosophischen Kritiken der Neuzeit, die Bedingungen für Wissenschaft, Ethik und ästhetische Wahrnehmung untersucht. Eines der wichtigsten Werke Mohammed Arkouns nimmt Kant auf und heißt nicht umsonst Pour une critique de la pensée islamique (Für eine Kritik des islamischen Denkens).

Es ist immer gefährlich, die Person des Preisträgers zu eng mit der Person zu verbinden, nach der der Preis benannt ist. Aber einige Gemeinsamkeiten zwischen Mohammed Arkoun  und Ibn Rushd verdienen es, hervorgehoben zu werden. Mohammed Arkoun überquerte als Student das Mittelmeer von Algerien nach Frankreich. Ibn Rushd zog im Jahr 1153 in umgekehrter Richtung von Cordoba nach Marrakesch. Besonders schmerzlich für Ibn Rushd war damals übrigens, dass er seine gesamte wissenschaftliche Bibliothek in Cordoba zurücklassen mußte. Aber wichtiger als solche oberflächliche Analogien ist etwas anderes. Ibn Rushd und Mohammed Arkoun haben einen wichtigen Zug gemeinsam: die unerschrockene Suche nach Wahrheit und wissenschaftlicher Erkenntnis  auf dem Boden des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes der Zeit. Für Ibn Rushd war der  methodische Boden aller Philosophie, die diesen Namen verdiente,  der Aristotelismus. Ibn Rushd war nicht nur der beste Kenner des Aristoteles in der arabisch-sprachigen und islamischen Welt des 12. Jh. n. Chr., er war vielleicht einer der international besten Kenner des Aristoteles überhaupt zu seiner Zeit. Die Schriften des Aristoteles waren im Bereich der Metaphysik, der Logik, der Seelenlehre die Grundlagen der mittelalterlichen Wissenschaft. Wie Sie wissen, hat Ibn Rushd eine Reihe von Kommentaren zu den Schriften des Aristoteles verfaßt. Für uns heutige kann Aristoteles freilich nicht mehr das non plus ultra wissenschaftlicher Philosophie sein. Aber darum geht  es auch nicht. Ibn Rushd, der Qadi nach der malikitischen Rechtsschule, war außerdem Universalgelehrter, er war nicht nur einer der größten Rechtsgelehrten seiner Zeit, sondern außerdem noch Mediziner, Astronom und natürlich Philosoph. Er hatte dabei  - im Gegensatz zu vielen seiner gelehrten Kollegen in Andalusien und Ägypten - keine Angst davor, aus dem Griechischen übersetzte Bücher zu philosophischen und theologischen Problemen zu studieren. Er hatte keine Angst vor dem „Fremden“, vor dem, was heute bei vielen arabischen Denkern „fremdes Denken“ (al-fikr al-wafid) heißt.Ibn Rushd war sich sicher, dass es nur eine Wahrheit gab, und dass der Mensch das Recht habe, verschiedene  Wege zu dieser einen Wahrheit zu suchen. Der arabische Philosoph Al-Ghazali (gest. 1111) hatte versucht, die Philosophie als Wissenschaftssystem in seinem Buch „Der Zusammenbruch der Philosophen“ (Tahafut al-Falasifa) zu widerlegen. Ibn Rushds grosses Werk „Der Zusammenbruch des Zusammenbruchs“  (Tahafut al-Tahafut) war gegen al-Ghazali gerichtet. Und vielleicht kann man den Verfall des kritischen philosophischen Denkens in der arabischen Welt seit dem 13. Jahrhundert als Sieg al-Ghazalis über Ibn Rushd beschreiben. Wie dem auch sei, hätte man Ibn Rushd die Frage gestellt, ob er durch die Lektüre des heidnischen Denkers Aristoteles, ob er durch die Berührung mit fremden Gedanken (afkar wafida) seine Identität verlieren könne, hätte er die Frage kaum verstanden.

Und hier liegt, meine ich, die vielleicht wichtigste Parallele zwischen Ibn Rushd und Mohammed Arkoun. Auch Mohammed Arkoun hat sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen müssen, er zitiere und verwerte zu viel „Fremdes“ in seinen Schriften. Dieser Vorwurf kam nicht nur, aber hauptsächlich, von arabischen  und muslimischen Kollegen. Und es ist wahr, Mohammed Arkoun beruft sich in seinen Studien zur islamischen Religion, Geschichte und Kultur ohne Scheu, auf Pierre Bourdieu und Jaccques Derrida, Hans-Georg Gadamer und Paul Ricoeur, Karl Marx und Clifford Geertz. Aber diese Denker sind eben die Philosophen der Moderne, sie sind das, was im Mittelalter die Aristoteliker und Platoniker waren. Natürlich unterliegen auch diese Denker der Kritik. Eine unangefochtene Wahrheits-Autorität, die sich der Kritik nicht mehr stellen muß, kann es im Bereich der Geisteswissenschaften nicht geben. Und hier hat Mohammed Arkoun in allen seinen Schriften  darauf beharrt, daß es nicht möglich ist, die islamische Kultur, Geschichte und Religion gewissermassen durch eine wissenschaftliche Mauer der Zensur von der Moderne abzukapseln. Eine solche Mauer der Zensur wäre nicht etwa im Interesse der Muslime, sondern im Gegenteil: sie würde  den Muslimen implizit bestätigen, dass sie unfähig zur Moderne seien, dass sie zu schwach seien, um sich in der Realität der Gegenwart zu behaupten, dass man sie wie Kinder vor Versuchungen schützen müsse. Diese Haltung ist im Wesentlichen  eine „orientalistische“ Haltung, „orientalistisch“ im negativen, von Edward Said in seinem Buch „Orientalism“ kritisch analysierten Sinn. Sadiq al-Azm, der syrische Denker, hat diese Selbstisolierung als Phänomen des „Spiegelbild-Orientalismus“ bezeichnet. Das heißt, die orientalistische These war, „die Muslime“ seien ganz anders als die Europäer, deswegen seien sie mit rationalen Kategorien nicht zu erfassen. Das konnte spiegelbildlich umgedreht werden. Nicht wenige arabische Gelehrte haben die These vertreten, Nicht-Araber könnten nie verstehen, worum das arabische Denken wirklich kreist das ist purer Spiegelbild-Orientalismus.

Der Begriff des „Ungedachten“ spielt im Werk Mohammed Arkouns eine große Rolle. Schon aufgrund seiner Sprache kennt jedes intellektuelle System Brüche und Leerstellen. Mohammed Arkoun nimmt einen Begriff Jacques Derridas auf, und untersucht die „logozentrische“ Begrenzung jeder Wissenschaft, d.h. die Tatsache, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis nur durch das Medium einer bestimmten Sprache vermittelt werden kann und daher bis zu einem gewissen Grad von dieser Sprache abhängig ist.  In jedem logozentrischen System ist die politische Manipulation des bisher Ungedachten  und Ungesagten ist die große Gefahr, die jede Idee oder Weltanschauung zur Ideologie machen kann. Kaum ein Werk Mohammed  Arkouns hat das so deutlich gemacht wie seine letzte große Studie „The Unthought in Contemporary Islamic Thought“ („Das Ungedachte im gegenwärtigen islamischen Denken“, London 2002). Dieses Buch ist vielleicht das  wichtigste seiner auf Englisch verfaßten Werke und eine Art Summe seiner bisherigen Ansätze. Die grosse Aufgabe, die sich Mohammed Arkoun gestellt hat, ist es, dieses in den islamischen Kulturen bisher Ungedachte zu denken und zur Sprache zu bringen. Die Rezeption der zahlreichen meist in französischer Sprache verfaßten Schriften Mohammed Arkouns ins Arabische, in der „arabischen Logosphäre“ wie er sagen würde, war anfänglich nicht ohne Hindernis. Betrachtet man aber heute die lange Reihe der auf Arabisch geschriebenen oder ins Arabische übersetzten Bücher Mohammed Arkouns, dann kann man nicht mehr sagen, dass seine Schriften in der arabischen Welt unbekannt seien. Mohammed Arkoun wird heute nicht nur in Europa oder den USA gelesen, sondern er  ist im Diskurs islamischer Intellektueller zwischen Indonesien, Malaysia, Südafrika, Ägypten, Marokko und den USA präsent.

B. Zukunftsperspektive


Man würde Mohammed Arkoun mißverstehen, meinte man, er hätte für alle wissenschaftlichen und politischen Probleme, die er formuliert, auch gleich eine Lösung parat. Seine Erwägungen  über die Trennung der politischen und der religiösen Sphäre, seine Überlegungen zur Notwendigkeit des Dialogs zwischen Ost und West, sein Bekenntnis zur demokratischen Regierungsform, zu einem arabisch-islamischen Humanismus stehen in der Tradition der Intellektuellen, die sich verantwortlich fühlen. Der elfenbeinerne Turm ist nicht der Ort Mohammed Arkouns. Auf dem Hintergrund einer islamologie engagée, einer politisch und sozial engagierten Islamwissenschaft, hat er sich besonders um junge, muslimische Immigranten in Mitteleuropa gekümmert. Diese Wissenschaft hat Mohammed Arkoun auch „angewandte Islamwissenschaft“ genannt.  Wichtige Impulse sind ausgegangen, welche die Zukunft der Islamwissenschaft prägen werden: ein neues Verständnis von göttlicher Offenbarung im allgemeinen und vom  koranischen Text im besonderen; ein Konzept der Zivilgesellschaft, das die Gültigkeit des Gesetzes für alle Bürger garantiert; ein kritisches Verständnis der islamischen religiösen   Symbolik, die Mohammed Arkoun das religiöse imaginaire nennt im Rahmen einer vergleichenden Untersuchung der monotheistischen Symbolik, also auch der jüdischen und christlichen Symbolik. Hier liegen die großen Aufgaben der Islamwissenschaft heute, wie sie Mohammed Arkoun skiziert hat.


Der Ibn Rushd Preis ist ein Preis, der von im deutschen Exil lebenden Arabern gestiftet ist, und das Ziel hat, Meinungsfreiheit und Demokratie im arabischen Raum zu fördern. Er wird heute verliehen an einen Wissenschaftler, der von Frankreich aus in alle wichtigen Debatten, die Araber und Muslime betreffen, eingegriffen und diese Debatten wesentlich geprägt und bereichert hat. Dies ist ein ermutigendes doppeltes Signal, das über alle nationalen und kulturellen Grenzen hinweg wirkt. Ibn Rushd ist zum Symbol geworden für die Neugewinnung eines arabischen Rationalismus für die arabische Moderne. Für die Kontinuität im arabisch-islamischen Denken und gleichzeitig  für die revolutionäre Umformung dieses arabisch-islamischen Denkens steht der Name Mohammed Arkoun.

 

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