Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Statement von Nabil Bushnaq, Gründer und Ehrenvorsitzender Ibn Rushd Fund, anlässlich der al-Jabri-Gedenkfeier im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, 30. Juni 2010, 19:30 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren

Am 8. Juni 2010 wurde eine Gedenkfeier zur Ehrung von Mohammed Abed al-Jabri in Marokko veranstaltet. Alle politischen Richtungen waren vertreten.

Lassen Sie mich einige Kommentare von renommierten arabischen Denkern zu dem Tod von Jabri hier zitieren:
George Tarabishi, syrischer Schriftsteller, war ein Vierteljahrhundert ein Widersacher von al-Jabri. Er hat als Antwort auf al-Jabris Buch „Kritik der arabischen Vernunft“ sein Buch „Kritik an die Kritik der arabischen Vernunft“ geschrieben. Er sagte:

„Wir waren Kollegen und nicht Freunde, aber nach einem Vierteljahrhundert Dialog ohne wirklichen Dialog entwickelte sich unser Verhältnis, wir wurden Freunde und blieben Kollegen. Er hat mir nicht nur geholfen, kein Ideologe mehr zu sein, der ich anfangs war, sondern er hat auch maßgeblich dazu beigetragen – wenn auch indirekt durch unsere Streitgespräche und meiner Widerlegung seiner Kritik – dass ich mein Wissen über das kulturelle Erbe grundlegend revidiert habe.

Sadeq Jalal al-Azm, syrischer Schriftsteller und Professor für Philosophie an der Universität Damaskus, kommentierte den Tod al-Jabris in der Deutschen Welle wie folgt:

„Ich trauere sehr um al-Jabri. Nachdem das maghrebinische Denken lange vom arabischen Denken im Osten, insbesondere von Ägypten, dominiert war, schaffte al-Jabri ein Gleichgewicht zwischen dem Denken der Araber im nordafrikanischen Westen (Maghreb) und dem Denken im Osten. Al-Jabri hat Bewegung ins arabische Denken gebracht. Der jahrelange Dialog zwischen al-Jabri und George Tarabishi erinnert mich an die berühmten Auseinandersetzungen zwischen den islamischen Gelehrten al-Ghazali und Ibn Rushd (Averroes) im 11. u. 12. Jahrhundert.“

Der syrische Philosophieprofessor Tayyeb Tizini sagte: „Ich bedaure al-Jabris Tod sehr. Wir werden seine Arbeit weiter untersuchen und erforschen. Al-Jabri hat mit grösster Energie gearbeitet und wichtige Bücher geschrieben. Mit seiner Arbeit sprach er die Mehrheit der Intellektuellen und gebildeten Araber an.“

Der libanesische Schriftsteller und Kritiker Ali Harb stellte fest : „Mit al-Jabri begann eine neue Epoche im arabischen philosophischen Denken, dessen wichtigste Station die  aufsehenserregenden Kritik-Projekte darstellen, die man in seinem Hauptwerk „Kritik der arabischen Vernunft“ am deutlichsten verkörpert sieht.“

Der ägyptische Schriftsteller und Professor für Philosophie an der Universität Kairo Hassan Hanafi, der ein bekanntes Streitgespräch über Säkularismus mit al-Jabri geführt hat, sagte: „Al-Jabris Gedanken werden heute von vielen Menschen vertreten, sowohl östlich des arabischen Westens (also des Maghrebs) als auch westlich des arabischen Ostens.  Er wird sogar in Indonesien gelesen, obwohl er ein echter arabischer Patriot ist“

Der Syrer Bourhan Ghalioune, Direktor des Zentrums moderner Orientwissenschaften und Professor für politische Soziologie an der Universiät Sorbonne-Nouvelle Paris III, kommentierte:
„Al-Jabri wird jetzt für die Leser und Forscher zum Symbol eines arabischen Denkers. Er hat nicht nur Kritik an das arabische Kuturerbe geübt, sondern er setzte sich auch mit den Erkenntnistheorien dieses Erbes auseinander.“

Das Forschungszentrum Markaz Dirasat al-Wahda al-Arabiya (Center for Arab Unity Studies) in Beirut gab bekannt, dass es im Namen von al-Jabri eine Stiftung gründen werde, die einen Preis regelmäßig alle zwei Jahre an arabische Denker verleihen wird.

Meine Damen und Herren

Die wachsende Kluft des Wissens zwischen den arabischen Ländern und Europa und die damit verbundene, zurückgebliebene Entwicklung in der arabischen Welt, wirft dringende Fragen auf. Fragen, die nach den Ursachen des Fehlens einer Entwicklung und des Scheiterns der Aufklärung in der arabischen Welt suchen. Im 20. u. 21. Jahrhundert ist die Reformbewegung gespalten: Auf der einen Seite gibt es die Richtung des politischen Islams.  Auf der anderen die Richtung der Moderne, die nach Vernunft, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie strebt. Mohammed Abed al-Jabri gehörte dieser letzten Richtung an.

Als al-Jabri 2008 in Berlin mit dem Ibn Rushd Preis für Freies Denken ausgezeichnet wurde, schrieb der Islamwissenschaftler Michael Gaebel in seiner Laudatio:    Ich zitiere:

(...)Warum, so fragt Al-Jabri, und mit ihm viele seiner Zeitgenossen, hat die arabische Welt, anders als die europäische, keine wirkliche Renaissance erfahren?


Seine Antwort liegt in der weit zurückliegenden Vergangenheit,
jenseits der Kolonialismuserfahrung und der Gegenwart der totalitären Regime mit ihren politischen, ökonomischen und kulturellen Defekten.

Jedoch anders als viele seiner Zeitgenossen sieht al-Jabri die Ursache nicht im Abweichen vom Glauben und seinen Geboten, sondern im Verfall der arabischen Vernunft (Aql) und des arabischen Denkens (Fikr), und folgerichtig kann die Lösung nicht in einer nostalgisch verklärten und ideologisch hybriden Stilisierung des „Dritten Wegs“ und der Wiedererrichtung eines auf religiösen Geboten basierenden politischen Gemeinwesens liegen, sondern in der kritischen Revision des Erbes.

Anders als viele Stimmen in der arabischen Welt, die Säkularisierung als westliches, dem Islam fremdes Konzept betrachten, sieht al-Jabri sehr wohl die dringende Notwendigkeit, Politik und Religion zu trennen, bezieht sich dabei aber auf andere Konzepte: die Kontrolle der Macht durch Demokratie und die Wahrung der Bürger- und Menschenrechte.
In Staatssystemen, Rechtssystemen und Gesellschaftssystemen, die demokratisch sind und das Individuum durch Bürgerrechte und Menschenrechte schützen, sieht er letztlich auch das gemeinsame Ziel von Ost und West.
Ende des Zitats aus der Laudatio von Herrn Gaebel

Al-Jabri, meine Damen und Herren,  war ein Suchender nach den Gründen für das Scheitern der arabischen Aufklärung. Obwohl seine  Bücher keine leichte Lektüre sind, werden sie in der gesamten arabischen Welt mit großem Interesse von einer dauernd wachsenden Leserschaft gelesen. Sie sind heute überall erhältlich. In den 80er Jahren erschienen die wichtigsten Werke Al-Jabris:
Nahnu wa-t-turath (Wir und unser Kulturerbe) 1980
Und Das vierteilige Werk Naqd al-aql al-arabi (Kritik der arabischen Vernunft), bestehend aus:
Takwin al-aql al-arabi (Die Genese des arabischen Denkens) 1984
Bunyat al-aql al-arabi (Die Struktur des arabischen Denkens) , 1986
al-Aql as-syiyasi al-arabi (Das politische arabische Denken) 1990
al-Aql al-akhlaqi al-arabi (Das arabische Moraldenken) 2001.

In den 90er Jahren befasste sich Al-Jabri intensiver mit der Problematik des zeitgenössischen arabischen Denkens. In einer Reihe Abhandlungen untermauerte er seine Kritik des arabischen Denkens:
1994 erschien „Demokratie und Menschenrechte“,
1994 „Die kulturelle Frage in der arabischen Welt“,
1996 „Religion und Staat und die Umsetzung des islamischen Rechts (Schari’a)“
1996 „Die Intellektuellen der arabischen Zivilisation“,
1997 „Probleme des modernen arabischen Denkens“.

Eins der Ziele, die al-Jabri in seinem Buch „Die Intellektuellen der arabischen Zivilisation“ verfolgte, war, der Entfremdung des arabischen Intellektuellen von der eigenen Geschichte entgegenzutreten. Ebenso wollte er den Missbrauch der Religion für politische Zwecke und die Bedeutung einer unabhängigen Geschichtswissenschaft unterstreichen, indem er auf die mittelalterlichen Auseinandersetzungen und Konflikte von Ibn Hanbal ( 9. Jahrhundert) im östlichen Teil der arabisch-islamischen Welt und von Ibn Rushd (Averroes) ( 12. Jahrhundert) im westlichen Teil  verweist.

Zuletzt erschien von ihm eine Einführung in den Koran und eine dreiteilige Koraninterpretation mit Anordnung der Suren nach der Reihenfolge ihrer Offenbarung.

Für manche ist al-Jabri nicht unumstritten. Kritiken kommen von Seiten der radikalen Moslems, der äussersten Linken und einigen Minderheiten. Diese Meinungsverschiedenheiten im Bezug auf al-Jabri erlebte der Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought auch bei der berufenen unabhängigen Jury sowie im eigenen Vorstand.

Es bleibt jedoch unbestritten, dass der engagierte Intellektuelle von einem inneren Drang heraus seinen Prinzipien immer treu geblieben ist: Mehrmals ist er wegen seiner politischen Position verhaftet worden. Mehrmals hat er renommierte und finanziell einträgliche Stellungen für politisch glaubwürdigere und intellektuell redlichere Positionen aufgegeben.

Meine Damen und Herren

Wir trauern um al-Jabri. Der Tod al-Jabris ist ein großer Verlust für die arabische Welt.

Al-Jabri hat mit seinem Mammutwerk „Kritik der arabischen Vernunft“ glücklicherweise Tür und Tor breit geöffnet für weitere Kritikprojekte für kommende Generationen. Und mit der Geburt des freien kritischen Denkens hoffen wir, meine Damen und Herren, dass der Geist der Aufklärung in der arabischen Welt erwacht.

Dankeschön