Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

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Sihem Bensedrines Rede anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises an al-Hewar al-Mutamaddin am 26.11.2010

Meine Damen und Herren,

Ich möchte mich beim Ibn Rushd Fund für Freies Denken bedanken für diese große Ehre. Ich bin sehr bewegt über dieser Anerkennung meiner Arbeit durch eine unabhängige Organisation, die für die Menschenrechte steht.

Am 23. Oktober hatten wir unsere ersten freien Wahlen in Tunesien. Zum allerersten Mal hat jede Tunesierin und jeder Tunesier das Gefühl gehabt, eine Bürgerin, ein Bürger zu werden.

Ich weiß, dass viele Menschen im Okzident beunruhigt sind darüber, dass Al Nadha, die islamistische Partei, 41% der Stimmen gewonnen hat. Sie fragen sich, was das für die Menschenrechte bedeutet, und insbesondere für die Rechte der Frauen.

Es ist nicht so wichtig, welche Partei die Wahlen gewonnen hat; der beste Garant für unsere Menschenrechte ist, eine engagierte Zivilgesellschaft zu haben, und eine freie Medienlandschaft. Wir brauchen Bürger, die gut informiert sind, und wachsam bleiben.

Indem sie ihren Wahlschein in die Urne warfen, haben die Tunesierinnen und Tunesier zuerst und vor allem für einen Bruch mit der Vergangenheit gestimmt.

Sie haben auch gesagt: « Ja, wir sind Muslime »;

« Ja, wir sind tolerant »;

und « Ja, wir sind modern ».

Unsere neu gewählte verfassungsgebende Versammlung muß nun eine Verfassung erarbeiten, die diese Werte einbezieht und individuelle zivile Freiheiten garantiert.

Das alte Regime hat Tausende von Menschen wegen ihrer politischen Überzeugungen ins Gefängnis geworfen. Aber sie haben sich nicht damit zufrieden gegeben, Oppositionelle einzusperren; ihre Methoden, sie einzuschüchtern, waren heimtückischer und ausgefeilter.

Das, was ich durchgemacht habe, war das Los vieler meiner Genossen im Kampf für die Menschenrechte, so auch meines Mannes, Omar Mestiri.

Das ist das Schicksal all derer, die es wagen, der Diktatur einen Spiegel vorzuhalten und das hässliche Gesicht zu entblößen, und ihrer lügenhaften Propaganda die Stirn zu bieten.

Sie haben mir die Arbeit genommen, mein Hab und Gut konfisziert, mir verboten zu reisen. Sie haben unser Auto gestohlen und das Telefon gesperrt. Sie sind sogar so weit gegangen, uns Taschen mit  verrottenden Eingeweiden von Tieren vor die Tür zu stellen. Sie haben unsere Angehörigen bedroht, unseren Kindern Angst eingejagt, unsere Freunde und unsere Nachbarn eingeschüchtert. Mögen jene mir verzeihen für das Leid, das ich ihnen bereitet habe.

Ich hatte kein Privatleben, weil sie mich unter konstanter Beobachtung gehalten haben, so dass ich mich wie eine Ausgestoßene in meinem eigenen Land gefühlt habe.

Ich war im Gefängnis, aber so zu leben: wie ein Insekt im Spinnennetz des Systems, das war noch schlimmer.

Als wir den Nationalen Rat für die Freiheitsrechte in Tunesien im Jahr 1998 gegründet haben, haben wir uns bemüht, die Fakten nicht aufzubauschen. Selbst wenn Sie absolut sicher sind, dass etwas wahr ist, können Sie es nicht publizieren, wenn Sie keinen Beweis dafür haben. Wir waren die erste Organisation, die eine Liste mit namentlicher Benennung der Folterer publiziert hat, sowie die Zeugnisse der Folteropfer, die wir protokolliert hatten.

Wenn Sie die Wahrheit veröffentlichen in einem repressiven Land, ist das, als ob Sie einen Staatsstreich ausführten. Sie sagen Ihrer Regierung "Ich habe keine Angst vor Euch. Werft mich ins Gefängnis wenn Ihr wollt." Und als wir das taten, wusste die Regierung nicht, wie sie reagieren sollte.

Die Angst hatte das Lager gewechselt.

Als sich das ganze Volk von dieser Angst frei gemacht hatte, da wurde die Revolution geboren.
Ich hoffe, dass diese Angst jetzt hinter uns liegt.

Wir haben so viel Arbeit zu tun. Wir müssen noch unser System und unsere Mentalitäten, unsere Geisteshaltung, reinigen vom Gift der Diktatur. Wir müssen beweisen, dass ein arabisches Land, muslimisch, eine tolerante Demokratie werden kann, die die Menschenrechte respektiert.

Das wird nicht einfach, und wir brauchen Ihre Solidarität. Während dieser Jahre der Einsamkeit haben wir nur sehr wenig Druck der europäischen Regierungen auf Ben Ali gesehen. Die Länder, die die Diktatur Ben Alis unterstützt haben, haben jetzt eine Verantwortung gegenüber Tunesien: sie können uns wirklich begleiten beim Aufbau der Demokratie; sie müssen damit anfangen, die Wahl der tunesischen Wähler zu respektieren, und verstehen, dass dieser Prozess Zeit braucht.

Wir wissen, dass wenn wir erfolgreich sind mit unserer Demokratie, dies unseren europäischen Nachbarn von Vorteil sein wird, so wie sie andere arabische Völker im Kampf für ihre Freiheit inspirieren wird.

Ich bedanke mich bei Ihnen allen für Ihre Unterstützung, und ich hoffe, dass sie uns im neuen Tunesien bald besuchen werden!