Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

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Laudatio anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises an das Internet-Forum al-Hewar al-Mutamaddin am 26.11.2010

Dr. Khaled Hroub

Bei der Vorbereitung dieser Rede muss man zwangsläufig über drei Namen nachdenken, die uns hier zusammenführen: Es sind Ibn Rushd (Averroes), der Preisgeber, al-Hewar al-Mutamaddin, der Preisträger, schließlich die Gastgeberstadt Berlin. Nicht weit von hier begann Martin Luther im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts mit seiner großen Reformation. Ein jeder dieser Namen trägt in sich die offene Aufforderung, die Lehre der beiden anderen zu adoptieren. Die Kritik und das Denken von Ibn Rushd führten unweigerlich zur Reform der Religion durch Thomas von Aquin, die ganz Europa auf die folgende Revolution des Denkens vorbereitete. Beide, Ibn Rushd und Thomas von Aquin, legten die Basis für die Regeln eines kultivierten Dialogs, für den die Lutheraner der protestantischen Revolution gekämpft haben, ohne die Europa und der Westen nicht zu dem geworden wären, was sie heute sind.

Ohne den kultivierten Dialog würden wir nicht das erreichen, was Ibn Rushd erreichen wollte: den Sieg der Vernunft und die Erweiterung des Horizonts des Geistes, der es ablehnt, sich zu verschließen und im Kreis zu drehen. Das averroesche Denken allein bringt uns zur Erkenntnis, die mit goldener Schrift unterstrichen werden sollte: Ohne einen kultivierten Dialog bleiben unsere Gesellschaften verwildert. Heute gibt es keine Rätsel mehr und keine Notwendigkeit, zu erfinden, was bereits erfunden ist. Die Menschheitsgeschichte auf unserem Planeten stellt uns einen Kompass zur Verfügung, und wir müssten nur noch Mut zeigen, zu nehmen, was vorhanden ist, und davon Nutzen zu ziehen, weiter nichts. Hier, nicht weit von dieser Stadt, wurde eine wichtige Lektion erteilt, die wir Araber und Muslime noch sehr genau studieren sollten. Am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg ließ Martin Luther seine 95 Thesen aufhängen, in denen er gegen die Ablasspraxis des Papstes protestierte, die das selbstständige Denken ausschaltet. Von dort aus begann er seinen langen religionsreformatorischen Weg, der Europa ins Zeitalter der Aufklärung katapultierte und den vielen Jahrhunderten der Finsternis ein Ende bereitete. Die Lektion von Martin Luther steht uns als Araber und Muslime sichtbar vor Augen. Es bedarf von uns keine besondere Intelligenz, um sie zu begreifen. Es bedarf von uns lediglich Mut, sie in die Praxis umzusetzen.          

Aber auf diesem geschichtsreichen Kontinent herrschte einst für mehrere Jahrhunderte auch Barbarei und Dummheit. Der Preis dafür waren mörderische Kriege, einige von ihnen wurden im Namen der Religion geführt, einige im Namen der Feudalherrschaft, andere Kriege waren gegen Ethnien oder Rassen. Alle diese Kriege wurden jedoch aus dem gleichen Tod bringenden Sumpf genährt: dem falschen Glauben, dass es etwas Erhabenes Absolutes gibt, sei es verkörpert in einer Idee, einer Religion oder einer Rasse. Alles andere ist diesem Absoluten minderwertig, das es verdient, verworfen, ausgegrenzt oder vernichtet zu werden. Europa erlebte die Renaissance erst dann, als es sich von diesem Denken befreit hatte, woher es immer auch kam, und es sich vom humanistischen, disputierenden und der Gerechtigkeit dienenden Denken leiten ließ, welches zu der Erkenntnis führte, dass, wenn der Mensch sich nicht für Pluralismus entschied, er unweigerlich und dauerhaft verrohen würde.

Auch in der arabisch-islamischen Kultur des goldenen Zeitalters war man zu der gleichen Erkenntnis des Pluralismus gekommen, nicht nur bei der Kommunikation der Menschen und ihrem Gedankenaustausch, sondern auch bei der Interpretation der Religion und dem Disput der Religionsmänner. Das multidimensionale Denken besiegte dann das eindimensionale Denken, und der Dialog wurde kultiviert. Es öffnete sich dem Fortschritt eine Tür nach der anderen. Die Blüte der menschlichen Zivilisation erfolgt nach Ibn Khaldun dann, wenn nebeneinander viele verschiedenen Menschen sich zusammenfinden und sie mit ihren unterschiedlichen Handwerken ihr Sozialleben vervollkomnen. Dies ist nur in der Stadt möglich, wie Ibn Khaldun oftmals betont. Als wir jedoch von der Idee besessen waren, dass wir die absolute Wahrheit besitzen, wie wir es heute erleben, entstand nichts mehr als ein eindimensionales Denken, bei dem sich die Wahrscheinlichkeit einer Verwilderung noch einmal um das Mehrfache erhöhte und in einer Rückschrittlichkeit endete, wie wir es in der arabischen und islamischen Kultur und den Ländern der Gegenwart in einem beschämenden Ausmaß erleben.

Es ist also das averroesche Denken allein und nichts anderes, das uns von A nach B in der menschlichen Kommunikation weiterbringt, von der manche denken, dass sie keinerlei Beweise benötigt. Es sind „A = Die Vielseitigkeit der Menschheit“ und „B = Die Vielseitigkeit ihrer Gedanken und Sichtweisen“. Wie können eine Vielseitigkeit, die unvermeidbar ist, und eine Pluralität, die das Leben und die Menschen auszeichnet, erstens weiter fortbestehen und wie können zweitens ihre verschiedenen, gegenseitig konkurrierenden und widersprüchlichen Bestandteile miteinander auskommen? Dafür gibt es nur zwei Alternativen, ausgegangen von der menschlichen Erfahrung seit Bestehen des Zusammenlebens und der ersten tödlichen Auseinandersetzung zwischen Kain und Abel.

Die erste Alternative ist Blutvergießen und Barbarei. Sie besteht darin, das Zusammenleben absolut zu verneinen, indem ein Bestandteil des vielschichtigen Lebens und Denkens bevorzugt wird und der Rest ausgegrenzt und vernichtet wird. Es ist eine schnelle kurze Antwort, die auch manches Mal ganz bequem und praktisch erscheint. Denn mit ihrer Methodik des Ausgrenzens und der Eigenmächtigkeit gibt es keinen Zeitverlust. Man hat nicht den Luxus der Meinungsunterschiede, der Diskussion und des Aufbringens von Geduld für Widersprüche und oftmals Nichtigkeiten. All das wird mit dem Schwert der „Einen Meinung“ entschieden. Alle ziehen sich aus Angst vor der Schneide des Schwertes in einen Winkel zurück, weit entfernt vom Interesse des Allgemeinwohls, das dann zur alleinigen Beschäftigung des Alleinherrschers wird und seiner Willkür, seinem System und seinem Gefolge ausgelifert ist.
Die zweite Alternative ist, den Weg des Lebens, der Kultiviertheit und des Pluralismus zu wählen. Die Menschen stellen fest, dass sie sich ihre Meinung bilden durch ihre Bemühungen um Erkenntnis, und dass diese gleichermaßen richtig oder falsch sein können. Und sie erkennen, dass sie keine andere Wahl haben als diese verschiedenen, konkurrierenden Meinungen zuzulassen und zu versuchen, die eigene durch Beweisführung und Diskussion - relativ und je nach Situation - als die bessere zu behaupten, und nicht zu beweisen, welche davon absolut und die für die gesamte Existenz einzig Gültige und Erhabene ist.

Diese Variante ist ein sicherlich schwerer und mühsamer und manches Mal sehr harter Prozess. Automatisch machen sie sich damit zu besseren Menschen. Ihr Kampf um die Beweisführung der besseren Ansicht benötigt sehr viel mehr Zeit als die Zeit, die der Despot beim Diktieren einer Meinung und einer Richtung braucht. Ihr Disputieren in einer Atmosphäre des Pluralismus und der Demokratie ist auch oft öde und ruft einen Groll hervor gegen das allzu freizügige Gewähren von Diskussionsfreiheit, so dass es eine solche Vielzahl an Meinungen gibt, dass man oft bei einem seriösen, ernsthaften Ansatz beginnt und bei einer völlig sinnlosen, unwichtigen Meinung endet. Dies erweckt manches Mal eine Sehnsucht nach einem resoluten Eingreifen. Es ist eine sehr gefährliche Sehnsucht, die mit den Mechanismen der Despotie spielt, wenn auch nur sehr zaghaft. Trotz all der Nachteile - dem ungemeinen Zeitaufwand bei dem langen Debattieren, mit all dem, was damit verbunden ist an Langeweile und Ärger, und dem Streben nach Entschlossenheit, weil man glaubt, auf diese Weise voranzukommen -, so ist die große menschliche Tugend, die sich aus dem Dialog letztendlich ergibt und alle diese Nachteile aufwiegt, dass es ganz ohne Blutvergießen und Grausamkeiten von statten geht. All dies geschieht in einer Atmosphäre der Freiheit des Menschen und nicht seiner Unterdrückung, vor dem Hintergrund des Respekts vor seiner Würde, nicht des Getretenwerdens durch einen Diktator oder Despoten.

Und dies alles offenbart sich im Aspekt der Genialität der gegenwärtigen westlichen Zivilisation, der vollzogen ist. Er zeichnet sich aus durch eine Fortschrittlichkeit mit gleichzeitiger Achtung der Freiheit des Individuums und nicht auf Kosten seiner Freiheit. Der andere noch nicht vollzogene Aspekt jener Genialität jedoch, die eine noch nicht eingelöste Schuld dieser Zivilisation ist, ist ein Fortbestehen ihrer Zivilisation mit gleichzeitiger Achtung der Freiheit und Würde der Individuen anderer Völker und Zivilisationen, nicht auf deren Kosten, durch Freiheitsberaubung, Besetzung oder Überlistung.

Die meisten der Zivilisationen und Imperien, die in den vergangenen Jahrhunderten herrschten und niedergingen, entstanden auf despotischen Grundsätzen. Der siegreiche Herrscher oder Kaiser erreichte seine Siege, seine Vorrangstellung, sogar die Zivilisation seines Reiches allein durch nach Innen und Außen gerichtete Gewaltanwendung. Die sehr lehrreiche Geschichtslektion, die wir daraus lernen, ist, dass die große Herausforderung der Menschheit darin besteht, dass man durchaus Fortschritt, Zivilisation, alle Voraussetzungen des Aufbruchs und sogar militärische Siege über Aggressoren in Vereinbarung mit dem Bewahren der Würde des Individuums und seiner Freiheit erreichen kann.

Dennoch ist der Sieg der Vernunft ein Abenteuer mit vielen Gefahren, insbesondere, da die vorherrschende Kultur eine Kultur des starken Glaubens an das Übersinnliche ist. Es sind Gefahren, auf die sich auch das Diskussionsforum al-Hewar al-Mutamaddin, die Organisation des Kollegen Rezgar Akrawi, mit großem Mut eingelassen hat. Die erste dieser Gefahren findet auf persönlicher Ebene statt. Da wird die Tür sperrangelweit geöffnet, jemanden als Ungläubigen, Verräter oder Spion persönlich anzugreifen, und die Verunglimpfungen nehmen kein Ende. Wenn der Dialog grob und wild wird, kann auch schon nur einer dieser Vorwürfe verantwortlich sein für die Bestrafung durch einen Revolverschuss, dessen Schütze davon besessen ist, jene zu töten, die anderer Meinung sind als er. Die zweite dieser Gefahren ist philosophischer Natur. Denn der Sieg der Vernunft bedeutet, sich im Leben, im Denken, moralisch, ethisch und im allgemein politischen Leben mit Kompromisslösungen zufrieden zu geben auf Kosten der Utopie absoluter, grundsätzlicher Lösungen. Der Sieg der Vernunft bedeutet, sich vom Absoluten zu verabschieden und am Relativen festzuhalten, sich in einen grauen Raum zu begeben, um Schutz vor den radikalen aber sehr verführerischen Schwarz-Weiß-Lösungen zu suchen. Der Sieg der Vernunft bedeutet aber auch, dieses offene Denkprojekt kritisch zu betrachten gegen sich selbst und gegen andere. Denn die Geschichte der menschlichen Vernunft war nicht immer strahlend. Tatsächlich besteht die Geschichte der Vernunft nicht aus einer, sondern aus vielen Denkrichtungen. Eine blinde, sich vor anderen Geisteshorizonten verschließende Denkrichtung kann zu Absolutismus und modernistischer Härte führen, die die Vernunft vergöttert und manchmal auch aus der Vernunft einen Kriminellen hervorbringt, der Kriege und Völkermorde organisiert.   

Was wir hier feiern, ist die humane, moralische Geistesrichtung, die von all den blutigen Erfahrungen gelernt hat und sich sehr bemüht hat und noch heute bemüht, diese für immer zu vermeiden. Es ist der kritische Geist, dessen Wesen und Motivation die Selbstkritik ist. Hört die Motivation auf, wird die Vernunft zum Dogma, die keine Diskussion zulässt. Folglich ist der Kampf, den al-Hewar al-Mutamaddin führt, zu sehen vor dem Hintergrund des Kampfes der Menschheit um ein vielschichtiges Denken, das Kritik offen zulässt und mehr oder weniger in der Geschichte erfolgreich war, ... folglich ist dieser Kampf eine Verteidigung jenes vielschichtigen Denkens gegen eine traditionelle Kultur des starken Glaubens an das Übersinnliche sowie gegen die Radikalität des Denkens, es ist eine auf zwei Ebenen geführte, höchst komplizierte Schlacht.

Es ist sehr einfach, eine Methode zu kritisieren, die Kritik an sich selbst übt, bevor sie andere kritisiert. Der Streit zwischen Vernunft und Religion ist daher eine Auseinandersetzung von nicht gleichen Gegnern. Es ist ein Kampf zwischen einem für Kritik offenen System und einem für Kritik geschlossenen System. Und wenn dieser Kampf dann noch in einer Region und in einer Gesellschaft ausgetragen wird, die von der Religion geprägt und kontrolliert werden, dann ist die Komplexität noch einmal umfassender und anhaltender. Wir können dies sehr oft in den arabischen und allgemein islamischen Medien beobachten: Während Religionsmänner aggressive Kampagnen gegen Vernunftsdenken und Säkularismus führen und in ihrer Kritik, ihrer Verunglimpfung, Destruktion und auch einem Vorwurf der Häresie sehr weit gehen, können Verfechter des Vernunftsdenkens und des Säkularismus’ nicht gegen die Religion, nicht einmal gegen manche religiöse Interpretationen kritisch angehen und sie können sich auch noch nicht einmal frei verteidigen. Es ist wie ein Ringkampf, bei dem einer der Ringkämpfer auf der Kampfbühne in einer Ecke gefesselt ist und der andere über ihn mit Boxhieben und Schlägen herfällt. Und die Punkte werden gezählt.

Der diesjährige Preisträger, das Portal al-Hewar al-Mutamaddin, rebelliert gegen diese ungerechten Spielregeln in den arabischen Medien. Es nimmt dem ungerecht behandelten Ringkämpfer die Fesseln ab und gibt ihm die Freiheit, sich zu verteidigen. Gleichzeitig ist es seinen Prinzipien treu, denn es belässt den anderen Kampfgegner in seiner Freiheit. Das Portal al-Hewar al-Mutamaddin bietet eine Bühne der Gleichheit und Gleichberechtigung für religiös und traditionell Denkende an, damit sie ihre Auseinandersetzungen offen führen oder sich verteidigen können. Es macht jedoch zur Voraussetzung, dass alle den Dialog in einer gehobenen, zivilisierten Weise führen. Neun Jahre lang schon gelingt dem Forum dies und vollbringt erstaunliche Ergebnisse mit nur wenigen Mitteln. Folglich verdient al-Hewar al-Mutamaddin die Ehrung des Ibn Rushd Funds und den Preis in Berlin. Diese  beiden - der Preisträger und der Fund - verdienen es, dass Martin Luther seinen Hut vor ihnen als Zeichen des Respekts und Anerkennung zieht.