Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser

in dieser Ausgabe von Minbar Ibn Rushd bieten wir Ihnen wieder eine neue Auswahl interessanter Essays von Autoren aus verschiedenen arabischen Ländern.

In seiner Samstag-Rede befasst sich der islamische Gelehrte Scheich Dr. Muhammad Habash mit den "Mythen, auf die die Diskurse des Extremismus gründen" und beantwortet Fragen, die ihm das Publikum stellt. Wir müssen "die islamische Rechtswissenschaft ändern, von einer berüchtigt restriktiven zu einer, die tolerant und annehmbar ist", und "wir müssen den Islam in seinem Kontext verstehen, denn auch die Koranverse haben Gründe für ihre Offenbarung und müssen nach ihren kontextbezogenen Ursachen verstanden werden".
Er betont: die Extremisten gehören nicht zur islamischen Rechtswissenschaft, sie treten nur unter besonderen Umständen in Erscheinung und nur für eine kurze Zeit.
Die islamischen Herrschaftssysteme haben fast 1200 Jahre lang keine Strafen bei Verbrechen gegen die Scharia (Hudud) angewendet. Muslime, die ein Vergehen begangen haben, waren Muslime geblieben. Sie wurden nicht gezwungen, den Islam zu verlassen, ein Thema, das aber heute noch von vielen Intellektuellen diskutiert wird.

Prof. Hassan Ibrahim Kamel von der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der King Saud University untersucht das Thema "Kulturelle Interaktion zwischen der muslimischen Welt und dem Westen - Ibn Rushds Kritik an Galen in seiner medizinischen Enzyklopädie al-Kulliyāt fī al-Tibb (Colliget).

Der Autor nennt am Anfang einige Namen arabischer und muslimischer Gelehrten, die die medizinischen Werke griechischer Gelehrten wie Hippokrates, Galen und Ptolemäus studiert, kommentiert und kritisiert haben wie al-Majusi, Ibn al-Haytham und al-Baghdadi. Dann setzt er sich näher mit Ibn Rushd (Averroes) und seiner Enzyklopädie „ al-Kulliyāt“ auseinander, in dem er die Theorien von Galen über die Behandlung von verschiedenen Krankheiten untersucht und kritisiert.

In seinem Essay "Averroes, Philosoph der Aufklärung" gibt Khalil Hamad aus Palästina einen  Überblick über das Denken und die Philosophie von Ibn Rushd, der bis heute als Vorbild für rationales Denken in unserer modernen Zeit gilt. Ibn Rushd sagt: Der Hauptgrund für den Dialog ist, die Wahrheit zu erreichen, Beweislogik und Regeln des Dialogs anzuwenden, … die Anderen zu verstehen, anstatt sie zu täuschen, um daraus Nutzen zu ziehen, die Meinung anderer anzuerkennen, wenn man selbst falsch liegt oder weil eine andere Meinung bei Meinungsverschiedenheit zu akzeptieren ist, sich um wissenschaftliche Integrität zu bemühen. Unter seinen zeitgenössischen Philosophen und Denkern ragt Ibn Rushd besonders heraus durch seine liberalen Ansichten zu Frauen. Er forderte die Gleichstellung der Geschlechter, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Aristoteles.

In ihrem kritischen Essay "Lasst uns unserer Geschichte gerecht werden und die Dinge in Ordnung bringen" tadelt die saudi-arabische Autorin Malak Talal die Araber für ihre unfaire Kritik an den Westen und seinen Gelehrten. Sie sagt, die Wissenschaft ist in erster Linie ein gemeinsames, kumulatives Produkt der Menschheit. Muslime übernahmen wissenschaftliche Erkenntnisse von ihren Vorgängern, wie auch der Westen von seinen Vorgängern das tut. Sie erinnert, dass es westliche Wissenschaftler gewesen sind, die Interesse für arabischen Gelehrte zeigten und sich bemühten, ihre Manuskripte zu finden und zu studieren, und es waren sie, die es möglich machten, dass die Araber ihre eigenen alten Gelehrten wieder kennenlernten, nachdem deren Werke verloren gegangen waren, wie die von Ibn Rushd und Ibn Khaldun. Unsere mangelnde Anerkennung arabischer und muslimischer Gelehrten und Intellektuellen sei hingegen beschämend. Einige von ihnen würde sogar verfolgt werden, selbst diejenigen, die den internationalen Nobelpreis erhalten haben. Malak Talal erinnert an die verheerenden Auswirkungen der Ignoranz in den arabischen Ländern. Sie zitiert dabei den syrischen Gelehrten Abd ar-Rahman al-Kawakibi, der gesagt hat: "die schlimmste Art von Tyrannei ist die Tyrannei der Ignoranz über die Wissenschaft und die Tyrannei des Selbst über die Vernunft“.
Bezugnehmend auf Noam Chomskys berühmtes Buch „Year 501: The Conquest Continues”  erinnert Mohammed Baqi Mohammed in seinem Essay " Die Logik des Empires – Amerika als Beispiel“ an die Entstehungsgeschichte Amerikas. Chomskys Buch erschien 501 Jahre  nach der Entdeckung Nordamerikas durch die Europäer, nach der Kolonialisierung und Gründung der Vereinigten Staaten auf den Leichen der indianischen Bevölkerung, die in einem biblischen Stil vorangetrieben wurde, dem „Ruf des freies Landes" zu folgen. Der Autor analysiert die historische Entwicklung der Politik der Vereinigten Staaten und ihre Expansion zur Supermacht in der Welt.

In seinem Essay "Die Krise der arabischen Vernunft ... und das Scheitern von Aufklärungsprojekten" vertritt Dr. Habib Haddad die Ansicht, dass die Krise der Rationalität in der arabischen Welt seit dem Mittelalter – insbesondere nach dem Tod des Philosophen Ibn Rushd - mit unserer Haltung gegenüber dem historischen Erbe zusammenhängt. Er gibt Ratschläge, wie wir damit umgehen sollen, damit das historische Erbe motivierend und nicht hemmend für das Fortschreiten von Gesellschaften sei. Er sieht das Im-Stich-Lassen der Araber durch die internationale Gemeinde nicht  als Hauptgrund für das Scheitern des arabischen Frühlings.

In seiner Buchrezension  "Der Geist der Moderne" liefert Dr. Rachid Boutayeb eine kritische Lektüre des Buchs " Der unmögliche Staat: der Islam, die Politik und die Krise der Moral in der Moderne“ von Wael Hallaq.

Diese Ausgabe schließt mit einer Buchbesprechung von Dr. Hamid Fadlalla mit dem Titel "Kultur des Dialogs". Darin kommentiert Fadlalla das Buch „Das Prophetentum Muhammads: Geschichte und Konstruktion: Einführung in eine kritische Lektüre" von Dr. Mohamed Mahmoud. Diese Buchbesprechung ist ein schönes Beispiel für die Kunst des Dialogs und der Essayistik in der Literatur bei Meinungsverschiedenheiten.

Nicht zuletzt wollen wir darauf hinweisen, dass wir - anlässlich des Ibn Rushd-Preises in diesem Jahr - eine spezielle Ausgabe des Magazins mit Publikationen zum Thema Gefängnis-Literatur herausbringen möchten. Wir würden uns freuen, Ihre Texte in den kommenden Wochen zu diesem Thema zu erhalten.

Und nun wünschen wir unseren Lesern eine angenehme Lektüre!

Dr. Abier Bushnaq
Chefredaktion

19.07.2015