Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Editorial

Liebe Leser!

Die letzte Minbar-Ausgabe stand noch ganz im Zeichen der Arabischen Revolution. Der Ruf nach Veränderung ist unüberhörbar, jedoch wo anfangen? Die Probleme sind vielschichtig und komplex.

Diese Ausgabe widmet sich einigen dieser Probleme in der arabischen Welt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Bildung, weshalb er auch den Anfang und den Schluss der Ausgabe bildet.

Das Heft beginnt mit einem schweren Vorwurf an das arabische Bildungssystem, das den Anschein habe, fortschrittlich westlich zu sein, dessen Unterbau aber mehr dem dunklen Zeitalter entspringe. Habib Abd ar-Rabb Sururi (Jemen) macht keinen Hehl daraus, der Religion einen großen Anteil der Schuld an der Bildungsmisere zu geben.

Den größten Schwerpunkt zu diesem Thema bildet der letzte Teil dieser Ausgabe, in dem wir in eigener Sache unser Schulprojekt in Palästina vorstellen, das 2012 - in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium der palästinensischen Autonomiebehörde - ins Leben gerufen wurde. Der Fund organisierte einen Schülerzeitung-Wettbewerb und stellte hierfür Mittel zur Verfügung: 2 Laptops, 2 Digitalkameras, Honorarbudget für die Betreuung durch 2 Lehrer und 2 Journalisten. Zwei Schulen in Tulkarm/West Bank mit jeweils zwei Schülergruppen nahmen am Wettbewerb teil. Das Ziel dieses Schülerwettbewerb-Projekts war, das Bewusstsein der Schüler für die Probleme der Gesellschaft zu schärfen und ihnen die Möglichkeit zu geben, diese Probleme frei und offen zu diskutieren. Dabei sollten sie sich in der Meinungsbildung üben und sich an ein unabhängiges Denken gewöhnen und lernen, selbstständig zu arbeiten, sollten die Methoden der Recherche in Bibliotheken und im Internet lernen und in den Grundlagen der journalistischen Arbeit eingeweiht werden. Abgeschlossen wurde das Projekt im März 2013 mit der Verleihung des ersten Ibn Rushd Preises für Schuljournalismus 2013 an die besten jungen Redakteure.
Wir freuen uns, alle vier daraus entstandenen Schülerzeitschriften nun veröffentlichen zu können. Der Bericht des Koordinators des Projekts, Nabil Bushnaq, und die Beurteilung der Jury (einschließlich deren CV) ist ebenso Teil des Beitrages. Ein zweites Projekt dieser Art ist in Planung.

Mit der Rolle der Frau als Philosophin in der abendländischen Kulturgeschichte befasst sich Muhammad Julub al-Farhan (Ägypten), der nicht unerwähnt lässt, wie schwer sich auch der Westen und vor allem die Kirche mit intelligenten Frauen tun.

Drei weitere politische Themen werfen Fragen auf: Der Vortrag zum Sudankonflikt, den Dr. Hamid Fadlalla auf der Sudan/Süd-Sudan-Konferenz in Hermannsburg (31. Oktober - 02. November 2012) abhielt, ist ein Appell an die Vernunft.
In dem Vortrag, den der syrische Schriftsteller und Denker Sadiq Jalal al-Azm am 19.04.2013 für den Ibn Rushd Fund im Rahmen der Ibn Rushd Lectures in Berlin gehalten hat, analysiert er den arabischen Frühling unter dem Aspekt des politischen Islams, hier mit Schwerpunkt auf sein Heimatland Syrien.

Nicht minder politisch ist die Homage an ‘Abd al-Raḥman al-Kawākibī (1854-1902) von Salam Kawakibi, einem Enkel des großen Denkers, der schon zu seiner Zeit vor religiösen Fanatismus warnte  und mit seiner Ablehnung eines Religionsstaates zu den ersten Säkularisten der arabischen Welt zählt. Kawakibi war mit seiner Forderung nach einer Reform der Religion, seinem Kampf gegen Despotie, Korruption und Unterdrückung und seiner ungezwungenen, freien Meinungsäußerung und Zivilcourage ein Vorbild, das auch noch für die Gegenwart gilt. Wenn man mit Bewunderung die sorgfältig zusammengestellten Zitate liest, die die klaren Gedanken und von Konvention losgelöste Vernunft des Mannes widerspiegeln, muss man traurig feststellen, wie aktuell sein Rat an seine Landsleute  noch für die Gegenwart ist. Die arabische Welt scheint 100 Jahre im Stillstand zu weilen.

Wie immer haben wir auch dieses Mal einen literarischen Beitrag: Mamduh Farrag an-Nabi analysiert die Triologie von Naguib Mahfuz und stellt die Frage: Dient der historische Roman dem Zweck der Abbildung der Vergangenheit oder der Überwindung der Realität?

Am Schluss noch dieser Hinweis: Unsere Einladung gilt nach wie vor. Autoren und Autorinnen sind herzlich willkommen, uns Beiträge für kommende Ausgaben zu schicken oder uns Empfehlungen zu machen.

Viel Spaß beim Lesen!

Dr. Abier Bushnaq

Chefredakteurin