Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Editorial

Liebe Leser!

Im Sommer starteten wir unser Magazin nach langer Pause neu - mit einer umfangreichen Ausgabe zum Themenschwerpunkt „Arabisches Denken“. Wir setzen nun mit einer nicht minder umfangreichen Winterausgabe fort.

"Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl", singt Herbert Grönemeyer. „Heimat ist das, was man nicht mehr hat“, sagt Romanautor Martin Walser. Ist Heimat demnach immer das „Verlorene“? Der deutsche Philosoph, Philologe und preußische Staatmann Wilhelm von Humboldt definierte Heimat jedoch anders: „Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache.“
Entwurzelung, Entfremdung, aber auch Wieder-Heim-Fühlen in der Fremde ist ein immer wiederkehrendes Thema bei Menschen mit Migrationshintergrund.

In unserer Winterausgabe legen wir den Schwerpunkt auf das Leben von Muslimen in der Diaspora. Die Probleme der Integration werden aus drei Perspektiven beleuchtet. Gari Pavkovic ist  Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart und Mitglied der DIK. Er hat sich jahrelang im Stuttgarter Ausländerausschuss für humanitäre Projekte während des Kriegs in Bosnien-Herzegowina engagiert. Dr. Hamid Fadlalla ist Arzt und Geschäftsführer der Organisation für Menschenrechte in den arabischen Staaten (OMRAS/D). Und Ghassan Ibrahim ist Chef-Redakteur der in London herausgegebenen Wochenzeitung al-Arab al-Usbu’i.

Von einem weiteren Schwerpunktthema handeln Essays rund um der Notwendigkeit der Philosophie, der Unabhängigkeit des Geistes und dem Pluralismus in der Moderne.
Anlässlich der Verleihung des 12. Ibn Rushd Preises für Freies Denken an das Internetforum al-Hewar al-Mutamaddin 2010 bringen wir eine Homage an den Pluralismus und den offenen Dialog: in seinem kontemplativen, sehr literarischen Essay beschreibt der Laudator Dr. Khaled Hroub, Direktor des Campbridge Arab Media Project, den Zusammenhang zwischen Ibn Rushd, Martin Luther und dem modernen Dialog.
Auch Subhi Ghandours kurzer Beitrag „Das Trio: Demokratie, Befreiung und Identität“ ist eine Würdigung von Pluralismus und Demokratie.
Ein Essay des syrischen Philosophie-Professor Ahmad Barqawi behandelt Ibn Rushds (Averoes’) Verständnis der Rechtswissenschaft als Philosoph. Barqawi drückt sein Bedauern darüber aus, dass der Kampf zwischen Vertretern der Philosophie und der islamischen Jurisprudenz bis heute aggressiv weiter geht, obwohl uns Ibn Rushd gezeigt hat, dass es keinen Widerspruch geben muss.
Nach Meinung von Dr. Zouhair al-Khouildi gibt es ein „internationales Recht zu philosophieren“, es sei sogar „Jedermanns Pflicht“, allen Widerständen zum Trotz philosophische Überlegungen anzustellen. Man müsse sich von den Einflüssen der „populären Meinungen“ und den Mächten Politik und Religion befreien. Philosophie müsse zum „Volkssport“ werden. Al-Khouildi will zeigen, wie dies geht, ohne oberflächlich zu werden.
Als Ausdruck unserer Trauer um den am 05. Juli 2010 verstorbenen Philosophen Prof. Nasr Hamid Abu Zaid drucken wir einen seiner letzten Essays zum Thema „Das Problem Vernunft und Offenbarung“ ab, sowie eine Widmung und Anerkennung seines Denkens durch den algerischen Wissenschaftler Mohamed Amine Souidi.   

Ein kurzer Artikel von Abdallah Tourkmani behandelt das Problem der NGOs in der arabischen Welt. Anschließend widmet sich der ägyptische Philosoph Dr. Hazem Khairy der komplexen „Problematik des Todes in der Arabischen Kultur“ aus philosophischer Sicht.

Nach der Tradition unseres Magazins Minbar Ibn Rushd schließen wir die 11. Ausgabe mit einem literarischen Beitrag, hier passend zum Schwerpunkthema mit der Kurzgeschichte „Der Ausländer“ von Hamid Fadlalla.

Viel Spaß beim Lesen!

20.12.2010
Abier Bushnaq
Chefredakteurin