Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

PDF

Begrüßungsrede des Ibn Rushd Funds anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises an Sihem Bensedrine am 25.11.2011

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste!
Ich freue mich, Sie im Namen des Ibn Rushd Funds heute alle hier bei der diesjährigen Verleihung des Ibn Rushd Preises für Freies Denken an die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine begrüßen zu dürfen.
Ganz besonders begrüße ich an erster Stelle

  • Sihem Bensedrine selbst, unsere Preisträgerin, die aus ihrer Heimat Tunesien angereist ist, die gerade ihren spannendsten Wendepunkt erlebt, unmittelbar nach den Neuwahlen nach dem  Aufstand des tunesisches Volkes, der erste unter den arabischen Völkern und Zünder aller nachfolgenden Revolutionen in der arabischen Welt. Frau Bensedrine, wir begrüßen Sie ganz herzlich in Berlin
  • Ebenso freue ich mich ganz besonders, unseren diesjährigen Laudator Prof. Kai Hafez, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Mediensystemen/Kommunikationskulturen an der Universität Erfurt zu begrüßen. Prof. Hafez, wir bedanken uns für Ihre Bereitschaft, nach Berlin zu kommen und dafür, dass Sie uns mit Ihrem wichtigen Beitrag unterstützen, Sihem Bensedrine heute zu ehren. Herzlich willkommen!
  • Ferner begrüßen und danken wir auch Dr. Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst in Berlin, für die gute Zusammenarbeit und dafür, unsere Feier hier in diesen wunderbaren Räumlichkeiten schon zum zweiten Mal veranstalten zu dürfen.

In diesem Jahr erlebt die arabische Welt einen historischen Wendepunkt. Die Presse, die Medien und die sozialen Netzwerke haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, den Funken der Revolution von einem Land zum anderen zu tragen, sowie die Verbrechen aufzudecken, die arabische despotische Regime gegen ihr Volk begangen haben. Aus diesem Grund haben die Mitglieder des Ibn Rushd Fund im Frühjahr das Thema Journalismus für den Ibn Rushd Preis 2011 gewählt. Angesichts der Rolle, die Frauen – von Tunesien bis zum Jemen – in den Medien eingenommen haben, als Aktivistinnen und beim Dokumentieren und Analysieren dieser historischen Umwälzungen, wurde der diesjährige Preis für Journalismus ausdrücklich für eine Frau ausgeschrieben.


Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei den Mitgliedern der diesjährigen Jury bedanken, die uns als externe, vom Verein unabhängige Berater ehrenamtlich zur Verfügung standen und die die Trägerin unseres 13. Preises aus insgesamt 13 Kandidaten aus 9 Ländern auswählte. Zur Jury gehörten die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Toujan al-Faisal aus Jordanien, der Literaturkritiker Subhi Hadidi aus Syrien, der Journalist und Fernsehmoderator Hamdi Kandil aus Ägypten, Nadia Lamhaidi, Professorin am 'Institute Supérieur de l'Information et de la Communication' an der Universität Mohammed V in Rabat, Marokko, und schließlich die Journalistin und Fernsehmoderatorin des al-Jazeera TV Laila Al-Shaikhli aus dem Irak. Mehr Informationen zu den Jurymitgliedern finden Sie auf der Webseite des Funds in mehreren Sprachen.

Seit dreizehn Jahren vergibt der Ibn Rushd Fund seinen Preis. Das Besondere am Ibn Rushd Preis ist, dass er auf ehrenamtlicher Teamarbeit beruht und sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert. Außerdem kann jede Person, unabhängig von Nationalität, Religion oder Partei, Kandidatinnen und Kandidaten für den öffentlich ausgeschriebenen Preis vorschlagen.
Seit seiner Gründung im Jahr 1998 will der Ibn Rushd Fund die Vorkämpferinnen und Vorkämpfer der arabischen Renaissance und Moderne sowie ihre Werke ins Rampenlicht stellen. Dadurch soll ihr  Bekanntheitsgrad erhöht werden, damit junge Generationen von ihnen lernen und sich an ihnen  orientieren können.

Wir glauben daran, daß das Freie Denken, die Demokratie und die Würde des Menschen Voraussetzungen sind dafür, daß die arabische Welt eine Renaissance erlebt, die ihr ermöglichen wird, teilzuhaben an und beizutragen zur globalen Kultur. Des weiteren sind wir überzeugt, daß die arabischen Gesellschaften Staaten brauchen, die auf Recht und Gesetz, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit basieren; Staaten der Bürger, nicht der Untertanen. Unsere Organisation hat sich mit ihrer Arbeit bemüht, diesen Prozeß des Umdenkens zu unterstützen, durch den die Atmosphäre für einen Arabischen Frühling erst entstehen konnte.

Eine Eigenschaft teilen diese Vorreiterinnen und Vorreiter die unseren Preis erhielten: sie haben eine Vision für die Zukunft und wirken an ihrer Entstehung mit. Vor zwei Jahren stand Samir Amin, Träger des Ibn Rushd Preises 2009, hier in Berlin und sagte: „Wir leben in einer prä-revolutionären Zeit.“ Der Großteil des Publikums hielt ihn für einen unbeirrbaren Träumer. Aber heute sehen wir die Revolutionen der arabischen Welt gegen ihre langjährigen Unterdrücker, und erleben zudem den Beginn des Widerstands der Bürger in den USA und Europa gegen die aggressive Macht des Kapitals und seiner Zentren. Die Widerstandsbewegung „Occupy Wall Street“ ist ein deutliches Beispiel dafür.

Mit zunehmender Aussicht auf eine bessere Zukunft für die arabische Welt wollen wir heute eine arabische Vorreiterin mit dem Ibn Rushd Preis ehren. Die Journalistin und Menschenrechtlerin Sihem Bensedrine hat sich jahrzehntelang eingesetzt für Freiheit, Gerechtigkeit und den offenen, gleichberechtigten Austausch verschiedener Meinungen. Mit ihrer Internet-Zeitschrift Kalima hat sie zur gesellschaftlichen Aufklärung über Unterdrückung und Ungerechtigkeit des Staates beigetragen; so schuf sie die Vorbedingungen der Revolution mit. An dieser Stelle möchten wir auch des verstorbenen Mohammed Bouazizi gedenken, und allen, die im Widerstand gegen die Unterdrückung ihr Leben ließen.

Wenn wir Sihem Bensedrine heute hier ehren, ehren wir in ihr auch die arabischen Frauen, die wesentlich zu den arabischen Revolutionen beigetragen haben und als Akteurinnen in diesen ihren Platz und ihre Rolle in der Gesellschaft neu definiert und mit neuem Leben gefüllt haben.

Am heutigen Tag freuen wir uns über die Erfolge der ersten Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen. Uns ist bewußt, daß noch viele Hürden zu nehmen sind, bevor die Ziele erreicht worden sein werden. Zugleich sind wir überzeugt, daß der Sieg der Revolutionen in Syrien, Bahrein und Jemen in greifbare Nähe gerückt ist, und die restlichen arabischen Staaten anstecken wird.

Aber wir trauern auch über die zehntausenden, die während der Revolutionen gestorben sind, und fühlen mit den tausenden Verletzten, Gefangenen, Verfolgten und Flüchtlingen. Wir drücken auch ihren Familien und Freunden unser Mitgefühl aus.

An dieser Stelle möchten wir unserem in Syrien gefangenen Mitglied Najati Tayyara unsere Solidarität, unseren Respekt und unsere Wertschätzung ausdrücken. Er setzt sich als Rechtsexperte für die Rechte von Menschen ein und erleidet nunmehr seit mehreren Monaten in syrischen Gefängnissen die Folter und Brutalität des Systems. Wir rufen Najati Tayyara und allen politischen Gefangenen zu: Verzweifelt nicht! Eure Freiheit wird ganz sicher kommen.

Frau Bensedrine, ich heiße Sie aus ganzem Herzen willkommen; und ich grüße alle Kämpferinnen und Kämpfer gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung.