Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

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Laudatio für Sihem Bensedrine

von Prof. Dr. Kai Hafez


Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind heute zusammengekommen, um in Sihem Bensedrine eine Person mit vielen Eigenschaften zu ehren. Sie war in den letzten Jahrzehnten eine zentrale Figur des tunesischen Widerstandes. Sie hat Romane und Geschichten geschrieben – sie wurden verboten. Sie hat Verlage und Zeitschriften gegründet – und auch sie wurden verboten. Bensedrine ist mehr als einmal verhaftet und geschlagen, sie ist schikaniert und verleumdet worden – doch sie hat sich nicht entmutigen lassen. Sie ist Journalistin, Buchautorin, arabische Demokratin, Europakritikerin und eine emanzipierte arabische Frau. Ich habe sie bis heute nicht persönlich gekannt – aber das Werk der Sihem Bensedrine hat mich immer beeindruckt.

Sie ist streitbar, zu klaren Thesen in der Lage, dabei aber stets interessiert am politischen und gesellschaftlichen Detail. Sie behauptet nicht nur, sie recherchiert und beweist. Hierdurch ist sie zu einer kritischen Chronistin der nunmehr im Untergang befindlichen arabischen Diktaturen des 20. Jahrhundert geworden.

Libyen – Bensedrine hat geschildert, wie in diesem Land die Gehälter in den letzten zwanzig Jahren nicht gestiegen sind. Hinzu kam die brutale Repression des Regimes: Kollektivstrafen für ganze Dörfer, in denen sich auch nur ein einziger Oppositioneller befand. Angesichts der verbreiteten Armut wurde der Luxus des Gaddafi-Clans zur schieren Perfidie, zu einer entwürdigenden Verhöhnung. Manchmal denke ich, fast schlimmer noch als die Armut selbst war und ist die Verachtung, mit der viele arabische Eliten ihren eigenen Völkern begegnen. Diese Arroganz hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die autoritären Eliten waren sich zu sicher, alles im Griff zu haben. Sie haben das Leiden, aber auch die Kraft der Araber unterschätzt, sich ihrer unrechtmäßigen Regierungen zu entledigen. Vielleicht haben viele Araber sich auch selbst zu lange unterschätzt. 6000 Jahre „Sklaverei“ in Nordafrika – und einige wenige Wochen haben genügt, um ein neues Selbstbewusstsein zu stiften, das heute sogar auf den Rest der Welt überspringt.

Tunesien – Sihem Bensedrine hat die für Ausländer häufig nicht leicht durchschaubare Pseudo-Demokratie im Staate Ben Alis demaskiert: „Parteien“, „Gesetze“, „Wahlen“. All dies war eine Hülle ohne Inhalt, es waren Techniken der Demokratie ohne den Geist der Freiheit. Lebenslange Immunität für Ben Ali, ein Freifahrtschein für den Despoten, vom Despoten selbst ausgestellt – schon diese eine Regelung zeigte den Ungeist. Wie in Libyen gab es auch in Tunesien eine unglaubliche Selbstbereicherung der Herrschenden. Man sollte die 50er und 60er Jahre nicht verklären, auch sie waren diktatorisch, aber Revolutionsführer wie Habib Burgiba oder Gamal Abdel Nasser besaßen immerhin noch eine fortschrittliche soziale Agenda. Dass die frühen arabischen Demokratien etwa nach dem ersten Weltkrieg in Ägypten nicht funktionierten, war schlimm genug. Fast noch bedrückender aber war die Jahrzehnte dauernde Degenerierung der arabischen Entwicklungsdiktatur zur reinen Despotie. Der Mythos des tunesischen Wirtschaftswunders, vom Ausland und von Touristen gerne gelobt, wurde mit falschen Zahlen gestiftet und brach in der tunesischen Revolution laut krachend in sich zusammen.

Wir müssen es an dieser Stelle deutlich sagen: die noch bestehenden diktatorischen Regimes in Ländern wie Marokko, Algerien, Syrien und Jordanien sind keinen Deut besser. Und in den Erdölstaaten kann von nachhaltiger Entwicklung ebenfalls kaum die Rede sein. Gerade die arabischen Monarchien gaukeln dem Westen eine Weisheit vor, hinter der sich vor allem Hohlheit und Machtgier verbergen.

Woher stammt diese urplötzliche Kraft der arabischen Völker? Meine These: die arabischen Zivilgesellschaften haben sich schneller entwickelt als die arabischen politischen Systeme. Ich habe schon vor Jahren von einer Chance zur Demokratie in der arabischen Welt gesprochen, als viele im Westen noch über die angebliche „Exzeptionalität“ der islamischen Welt fabulierten, in der keine Demokratie entstehen könne. Welch grandioser Irrtum! Seit vielen Jahren sagt die empirische politische Kommunikationsforschung, dass Araber mehrheitlich Demokratie wollen – man musste das nur endlich zur Kenntnis nehmen. Heute herrscht nahezu ein anti-autoritärer Konsens in weiten Teilen der arabischen Bevölkerungen. Zwar gibt es Meinungsunterschiede hinsichtlich der Frage der Säkularität der Systeme, aber Araber sind sich einig in dem Willen zur politischen Teilhabe. Während der Revolution in Ägypten hat man nirgends Parolen für einen „islamischen Staat“ gehört  – das ist doch erstaunlich in einem angeblich so religiös geprägten Land. Und es stellt eine Jahrzehnte alte Lehre der Politikwissenschaft auf den Kopf, dass die Erziehung zur Demokratie erst nach der Einführung eines demokratischen Systems erfolgen kann – „re-education“ …. In der arabischen Welt erziehen aber derzeit nicht die Systeme die Menschen, sondern die Menschen erziehen die Systeme!

Sihem Bensedrine war nie nur eine Chronistin, sie war immer auch Akteurin, Kämpferin, Dissidentin. Sie gehörte zu den klugen und mutigen Journalisten, die lange vor den heutigen Ereignissen die arabischen Diktaturen anklagten. Als Journalistin repräsentiert sie den seit den 90er Jahren erkennbaren wichtigen Trend der Liberalisierung der Neuen Medien, allen voran des Satellitenfernsehens und des Internets. Der pan-arabische Journalismus von Sendern wie Al-Jazeera hat die Menschen über die Köpfe der Regimes hinweg erreicht und hat sie miteinander verbunden. Der neue arabische Journalismus hat mehr Medienfreiheit erzeugt und damit den arabischen Zivilgesellschaften in einem frühen Stadium neue Kommunikationsmittel an die Hand gegeben, um zu sich selbst zu finden. Für die Journalisten bedeutete dies, und bedeutet es in vielen Ländern noch heute, dass sie an sechs von sieben Tagen problemlos Kritik an ihren Regierungen üben konnten – am siebten Tag aber landeten sie für die gleiche Aussage im Gefängnis. Regimes wie die in Tunesien und Ägypten versuchten die Medien zu kontrollieren – aber es war zu spät. Das Genie der Meinungsfreiheit war längst entfesselt. Ich glaube, Sihem Bensedrine wird mir zustimmen, dass die Diktatoren die freiheitliche Kraft des Wortes unterschätzten. Als sie glaubten, die Bevölkerungen mit neuen Medien nur besser unterhalten und bei Laune halten zu können – panem et circenses, Brot und Spiele –, da irrten sie gewaltig. Sie verloren die Kontrolle über das Denken der Menschen und über die Freiheit der Rede. Wie Ibn Rushd im Mittelalter stehen dafür heute die neuen arabischen Medien. Die Medien sind vielleicht das Beste, was den Arabern in der Dekade vor den aktuellen Revolutionen widerfahren ist. Durch die Medien fanden die Menschen zusammen. Die aktuellen Ereignisse sind daher auch als „Kommunikationsrevolutionen“ zu verstehen. Wann gab es das zuletzt in Europa? Vielleicht während der Reformation? Auch sie wäre ohne die Erfindung der Druckerpresse durch Gutenberg nicht möglich gewesen.

Eines der wichtigsten Themen von Sihem Bensedrine war stets Europas Beziehung zur arabischen Welt – und es war die Kritik an Europa. Daran ist nicht nur erstaunlich, dass sie die Vereinigten Staaten fast wie einen Nebenakteur auf der Bühne der Nahostpolitik erscheinen ließ. Europa und „Karthago“, wie sie das Tunesien Ben Alis oft nannte – Bensedrine pflegt hier ein sympathisch antikes Weltbild. Karthago ist nun im „arabischen Frühling“ wohl endgültig untergegangen, aber ist deshalb auch aus dem römischen Reich schon ein aufgeklärtes Europa geworden, das versteht, was südlich des Mittelmeers geschieht und sich solidarisch verhält? Zwei Motive sind in Bensedrines Werk vorherrschend: Europa als Vorbild für den Fortschritt und Europa als Feind des Fortschritts in der arabischen Welt. Sihem Bensedrine hat sich in ihrer oft enttäuschten Liebe zu Europa nie beirren lassen.

Sie hat den Sicherheitswahn der europäischen Nahostpolitik scharf kritisiert, der die Autokratien in der Region gestärkt und die Demokratieentwicklung behindert hat. Die arabische Welt war für Europa nie ein gleichberechtigter Partner, sondern eine abhängige Region, deren Emanzipation durch Demokratisierung europäische Politiker kaum interessierte, ihnen zum Teil sogar Bauchschmerzen bereitete. Denn der Umgang mit den Diktatoren der Region war – und ist – für Europa sehr profitabel. Bensedrine beschreibt in ihren Büchern, wie wenig die tunesischen Wahlfälschungen der letzten Jahrzehnte irgendjemanden im Westen interessierten. Ohne die finanzielle Unterstützung des Westens hätten weder Ben Ali noch Mubarak so lange überleben können. Ich selbst habe während der ersten Revolutionswoche in Ägypten erlebt, wie lange die europäischen Staatschefs brauchten, um von Mubarak abzurücken: Kanzlerin Merkel und andere trauten sich nicht, das Wort „Demokratie“ in den Mund zu nehmen, und sie hielten an Mubarak fest, solange es nur eben ging. Es folgten zunächst inkonsequente Sanktionen gegen Libyen und heute gegen Syrien. À propos Libyen: hat der Westen die Revolution dort ermöglicht? Vielleicht. Angesichts der Jahrzehnte währenden Kollaboration mit dem Regime Gaddafi aber wäre es ein Hohn, darauf allzu stolz sein zu wollen.

Sihem Bensedrine beschreibt in einem Buch, wie der deutsche Innenminister Otto Schily 2003 nach Tunesien reiste, um eine Sicherheitspartnerschaft zu besiegeln. Damals wurde vereinbart, nicht nur gegen Terroristen, sondern gegen alle, die „Terroristen helfen“, vorzugehen. Ben Ali begann daraufhin, Jagd auf unliebsame oppositionelle Dissidenten zu machen. Bensedrine betrachtete das Verhältnis Europas zu Tunesien als eine „heilige Allianz gegen den Terrorismus – und gegen die Demokraten“. Und erst Algerien: als Europa den Abbruch der Wahlen von 1992 unterstützte, weil Islamisten dort an die Macht gekommen wären, machte es sich mitschuldig an dem, was folgte: ein „kleines Ruanda“, wie Bensedrine schreibt, 20.000 Tote in einem fürchterlichen Bürgerkrieg. Was für eine Ironie der Geschichte: durch die Zusammenarbeit einer degenerierten Revolutionselite mit Europa wurden die Errungenschaften des einstiges Unabhängigkeitskampfes wieder zunichte gemacht, eines Unabhängigkeitskampfes, der nur nötig geworden war, weil Frankreich in kolonialer Überheblichkeit Algerien zu seinem Territorium erklärt hatte. Sicherheitswahn und Großmachtsucht. Europäische Staaten stützen das Regime in Algier bis heute.

Europa hat das Problem noch immer nicht verstanden: Diktaturen sind kein Bollwerk gegen Terrorismus – sie schaffen den Terrorismus erst! Die Demokratisierung in der arabischen Welt ist keine Bedrohung für Europa – es ist unsere einzige Chance auf echten Frieden statt nur auf diktatorische Scheinstabilität, unter deren Deckmantel die Menschen sterben, leiden, migrieren oder sich radikalisieren.

Machen wir uns bitte nichts vor: Europa hat die arabische Welt zu lange mit falschen Maßstäben gemessen. Wir haben, oft ohne es zu merken, ein „gespaltenes Weltbild“ gepflegt, eine Doppelmoral, Bensedrine nennt es sogar einen „subtilen Rassismus“. „Der Westen“ war und ist in dieser Weltsicht die Sphäre der Demokratie und der Zivilisation – „Araber“ und „Muslime“ aber leben für uns in einer ganz anderen Welt. In ihr herrschen Armut, Unfähigkeit und religiöse Gewalt, in ihr muss auch der Westen angeblich mit den Mitteln der Barbarei agieren und Kriege führen, hier darf und muss er seine eigenen Werte relativieren dürfen – Guantánamo und Abu Ghraib. Westliche Staaten sind in Irak und Afghanistan in den letzten Jahrzehnten für hundertausende Kriegsopfer verantwortlich. Wir zählen sie gar nicht mehr. Die entscheidende Frage, die sich heute und zur Zeit des „arabischen Frühlings“ stellt, ist: haben wir nun endlich begriffen? Verstehen wir, dass auch die arabische Welt Demokratie will? Begreifen wir, dass Solidarität angebracht ist? Oder sind wir noch immer bereit, alte und neue Militärregimes auch dann zu stützen, wenn sie sich zur Gegenrevolution aufschwingen – am besten gegen den angeblichen gemeinsamen Feind des Islamismus?

Sihem Bensedrine hat, gemeinsam mit ihrem Mann Omar Mestiri, vor Jahren bereits das „skandalöse Entgegenkommen“ der Europapolitik und die „Komplizenschaft der westlichen Demokratien mit der Repressionspolitik der autoritären Regime“ kritisiert – harte Worte, von denen aber, wie ich meine, nichts zurückzunehmen ist. Ihre Analyse der gefährlichen europäischen Mischung aus Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen mit einer verzerrten Wahrnehmung der arabisch-islamischen Kultur ist völlig zutreffend. Migrationsverhinderung, wirtschaftlicher Profit besonders in Erdölstaaten – eine ganze Region haben wir mit Waffenlieferungen überzogen. Bensedrine schätzt, dass 18.000 westliche Journalisten zu Gratisreisen allein nach Tunesien kamen. Unsere langjährige Bereitschaft, uns an die korrupten Bedingungen der arabischen Despotien anzupassen, hat uns selbst korrumpiert – das ist die Botschaft der Bensedrine. Sie hat einmal eingeräumt, auch selbst ein Opfer der irakischen Propaganda geworden zu sein, als sie sich während des Embargos manipulieren ließ. Haben auch wir Sihem Bensedrines Mut zur Selbstkritik?

Die arabische Welt hat zahlreiche Rückstände im Bereich Markt und Moral, die sie aufholen muss. Aber auch wir müssen erkennen, dass die Trennung von Moral und Außenpolitik uns nicht weitergebracht hat und auch im eigenen Interesse überwunden werden muss. Wer keinen Terror will, muss Demokratien stützen. Und wer Angst vor zu vielen Migranten hat, der muss die wirtschaftliche Modernisierung fördern. Natürlich sind Staaten keine Altruisten. Aber vergessen wir doch bitte nicht, dass auch Europa ohne fremde Hilfe nicht wäre, wo es ist. Marshall-Plan, Care-Pakete, und noch im 19. Jahrhundert war Deutschland ein Auswanderungsland. Wir haben Solidarität empfangen, und unsere eigene Solidarität darf nicht an kulturellen Grenzen halt machen. Agrarmärkte öffnen, die Vereinten Nationen reformieren, Entwicklungshilfe konsequent an Menschenrechte koppeln und politische Fairness im Nahostkonflikt walten lassen: es gibt noch viel zu tun. Menschenrechte bloß anzusprechen, reicht nicht, wir müssen sie zum integralen Bestandteil unserer Politik machen. Wir brauchen eine Nahostpolitik nach dem Vorbild der einstigen „Ostpolitik“ Willy Brandts.

À propos Willy Brandt: angenehm an Bensedrines Werk ist, dass sie keine pauschale kulturelle Defizitanalyse Europas betreibt, sondern mit Paradoxien zurecht kommt. Die Herabstufung der Außen- zur Machtpolitik ist kein typisch abendländischer Malus, sondern sie ist leider ein universeller Reflex aller Staaten auf der Welt. Und Sihem Bensedrine hat die zahlreichen Vorzüge Europas nie geleugnet. Ihr Verhältnis zu Europa ist eben das einer oft enttäuschten aber alten und festen Liebe: Europa, das eine lange Geschichte mit der arabischen Welt teilt, Europas innere Freiheit, von der Bensedrine selbst profitiert hat, Europas ur-demokratische Politikerpersönlichkeiten.
Als wir vor etwa zehn Jahren den tunesischen Journalisten Tawfik Ben Brik zu einer Konferenz nach Hamburg holten und sich der tunesische Botschafter beschwerte, half uns der deutsche OSZE-Vertreter Freimut Duve. Leider gab es solche Protektion immer nur für einzelne, während andere in den Gefängnissen schmorten.

Die Leugnung einer Chance zur gemeinsamen euro-arabischen Zukunft der Demokratie wäre ein großer Fehler. Europa weiß aus eigener Erfahrung, dass aller Anfang schwer ist. Bei der Demokratisierung muss man eine Übergangszeit bewältigen, in der die alten Systeme nicht mehr, die neuen Systeme aber noch nicht greifen. Alles muss oft schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Sihem Bensedrine hat das kürzlich am eigenen Leib erfahren, als die tunesische Interimsregierung ihr den Archivzugang und eine Lizenz für eine Radiostation verweigerte. Der Aufbau einer Demokratie braucht Zeit. Als Sihem Bensedrine nach dem letzten Krieg den Irak bereiste, sagte ihr jemand: „Wird sind krank, krank durch die Diktatur“. Die Länder des „arabischen Frühlings“ müssen heute nicht nur darauf achtgeben, dass die beharrenden Gewalten der alten Regimes keine Konterrevolution betreiben. Sie müssen ihre Gesellschaften auch von Grund auf erneuern. Es ist eine Sache, den Mut aufzubringen, Diktatoren zu beiseitigen, aber es ist eine andere, die Courage zu haben, die eigenen Defizite zu erkennen. Unter der Oberfläche der enormen Stärke und Kraft arabischer Gesellschaften, die uns heute beinahe täglich vor Augen geführt werden, lauern aber eben auch Rachegefühle, Selbstzweifel und Verunsicherung. Jubelnde Menschen im Angesicht eines toten Diktators – Europa sollte dies an die Lynch-Bilder von Mussolini und Ceauşescu erinnern. Gerade uns Deutschen sind derartige Befindlichkeiten und Probleme nach zwei Diktaturen in den letzten hundert Jahren doch hinlänglich bekannt. Leiden wir nicht bis heute daran? Deutsche und Araber sollten sich über die Chancen einer konstruktiven Vergangenheitsbewältigung für eine demokratische Zukunft austauschen.

Die arabische Welt zeigt natürlich auch Besonderheiten, etwa was die Stellung der Religion betrifft. Sihem Bensedrine ist eine Säkularistin, aber sie hat immer dafür plädiert, dass an einer politischen Integration des Islamismus kein Weg vorbei führt. Das Genie der Demokratie besteht auch darin, dass sie aus ehemaligen Radikalen zivile Akteure und Parteien machen kann. Auch europäische konservative wie linke Parteien sind schließlich die Nachfahren von autoritären Bewegungen. Der Islam war und ist in der arabischen Welt nicht nur ein Modernisierungshindernis, sondern er ist auch eine Kraftquelle. Denken wir an die Bilder der vielen Ägypter, die mitten in der Revolution auf dem Tahrir-Platz beteten. Das war religiös begründeter gewaltfreier Widerstand pur! Das Christentum besitzt kein Monopol auf diese Dinge.  Es ist eine Illusion, den arabischen Frühling allein als das Werk einer westlich gesinnten jungen Facebook-Generation begreifen zu wollen. Er war und ist auch eine Errungenschaft einer auf religiösen Werten basierenden Widerständigkeit gegen den autoritären Staat, die wir anerkennen müssen. Die Islamisten ernten heute die Früchte dieses Widerstandes. Die Voraussetzungen dafür, dass sie sich nach dem Vorbild der Türkei und nicht nach dem Irans entwickeln, halte ich für sehr gut. Zur Integration aller Kräfte – progressiv wie reaktionär – gibt es jedenfalls keine Alternative.

Den grandiosen Leistungen der arabischen Revolutionen werden weitere folgen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwa das Regime Bashar Asads in Syrien zusammenbricht.  Könnte es sein, dass die Araber tatsächlich „Demokratie können“? Könnte es sein, dass Europäer und Araber, Christen und Muslime sich dereinst tatsächlich als Angehörige einer gemeinsamen Zivilisation betrachten werden? Sihem Bensedrine jedenfalls hat ihren Teil dazu beigetragen. Sie hat uns klar gemacht, dass die Freiheit des Wortes ein verbindender Wert von Frauen und Männern in Europa und in der arabischen Welt ist. Ohne mutige Journalistinnen und kritische Zeitgenossen wie sie wäre diese Welt ein deutlich unerfreulicherer Ort.

Herzlichen Glückwunsch Frau Bensedrine!