Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

PDF

Rezgar Akrawis Rede anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises an al-Hewar al-Mutamaddin am 26.11.2010

Rezgar Akrawi


Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Gäste,

Heute ist ein sehr freudiger Tag für all meine Kolleginnen und Kollegen von al-Hewar  al-Mutamaddin - Modern Diskussion - sowie für die dort publizierenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller und Leser, die al-Hewar al-Mutamaddin schätzen und unterstützen. Ich persönlich freue mich, den Vorstand von al-Hewar al-Mutamaddin hier vertreten zu dürfen, der eines der bedeutendsten und  seriösesten Foren in der arabischen Welt führt. Als erstes aber möchte ich meinen großen Dank an die Kolleginnen und Kollegen im Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought aussprechen für die Einladung nach Berlin, um – stellvertretend für al-Hewar al-Mutamaddin - den Ibn Rushd Preis entgegenzunehmen. Diese Auszeichnung ist eine große Wertschätzung für das bedeutende Forum und seine zunehmend wichtig werdende, einflußreiche Rolle bei der Veröffentlichung und Bekanntmachung von linksliberalen, säkularen und demokratischen Werten und bei der Förderung der Kultur des Dialogs und des gegenseitigen Respekts und Achtung anderer Meinungen.

Dieser angesehene Preis, den wir für seine Ziele hochschätzen, hat für uns eine ungemein große Bedeutung, insbesondere, da alle Mitarbeiter von al-Hewar al-Mutamaddin voll und ganz ehrenamtlich arbeiten. Manche widmen dem Forum bis zu 10 Stunden am Tag, und das neben ihrer sonstigen Arbeit und ihren privaten Verpflichtungen. Dieser große, symbolische Preis, den der Ibn Rushd Fund - bekannt für seine Professionalität und seine wichtige Rolle bei der Förderung des freien Denkens, der Demokratie und Modernisierung der arabischen Welt – vergibt, und der bisher an Pioniere des Geistes und der Kreativität verliehen wurde, ... dieser Preis und das in uns gelegte Vertrauen bedeutet für mich und meine Kolleginnen und Kollegen in al-Hewar al-Mutamaddin gleichzeitig eine Herausforderung, eine größere Verantwortung und zusätzliche Verpflichtung, die uns motiviert, unsere Arbeit in allen Bereichen qualitativ und quantitativ fortzusetzen und weiter zu entwickeln.

Elektronische Medien

Der Großteil der Arbeit von al-Hewar al-Mutamaddin liegt im Bereich elektronischer Medien. Damit Sie verstehen können, wie wir arbeiten, muss ich dazu einige Worte über unsere Arbeit sagen. Elektronische Medien konkurrieren heute mit den Printmedien, wenn sie sie in mancher Hinsicht nicht gar überholt haben. Denn der allgemeine Trend weltweit in allen möglichen Bereichen ist die Nutzung des Internets und seine Anwendungen. Aktuelle Statistiken bestätigen diesen Trend: es gibt bereits 14 Millionen Mitglieder bei Facebook aus der arabischen Welt, deren Zahl weiter zunimmt, während die Leser aller arabischen Zeitungen zusammengenommen nicht mehr als 8 Millionen ausmachen.
 
Bekanntlich sind der PC und dessen Anwendungsmöglichkeiten das wichtigste Instrument der elektronischen Medien, welche das Ergebnis des Zusammenspiels sind zwischen der Telekommunikationstechnologie bzw. dem Internet und den Medien. Diese schnelle Entwicklung hat dazu geführt, dass man die bisher konventionellen Medien völlig neu betrachtete. Eine neue, andere Wirklichkeit setzte sich durch in den Medien auf kultureller, geistiger und politischer Ebene. Durch den dauerhaften und kontinuierlichen Modernisierungsprozess wird in rasanter Geschwindigkeit ein Prozess der Interaktion und Interferenz zwischen Sender und Empfänger auf qualitativer und quantitativer Ebene realisiert. Und dieser Prozess wird ständig weiter entwickelt und verbessert. All dies bestätigt, dass die elektronischen Medien sich heute zu den Mainstream-Medien entwickelt haben oder im Begriff sind, diese privilegierte Vorrangstellung zu erreichen.

Die wichtigsten Merkmale, durch die elektronische Medien gekennzeichnet sind, sind meiner Meinung nach folgende:

  • Moderne Medien haben einen globalen Charakter und globale Präsenz, die die Grenzen überschreiten. Lokale Gesetze, die die Freiheit der Presse, der Religion und Meinungsfreiheit einschränken – wie in den meisten Ländern der arabischen Welt – können übergangen werden. Sie erlauben eine schnelle Berichterstattung über Ereignisse ohne jegliche Einschränkungen und einen leichten Zugang für Leser, die die Information schnell erhalten oder nach ihr recherchieren können.
  • Die freien elektronischen Medien gelten als sehr offen und sind zum Großteil unabhängig von  Regierungsinstitutionen. Sie sind weitestgehend kostenfrei und haben bis zu einem gewissen Grad dazu beigetragen, dass die Hegemonie des Kapitals, der Großkonzerne und Regierungen über die Medien in der arabischen Welt geschwächt wird.
  • Elektronische Medien besiegen die Zensur und sind ihr Gegner. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Schaffung einer transparenten Welt. Dies zeigte sich zum Beispiel durch den großen Medienskandal, der durch die Veröffentlichung geheimer Dokumente im Zusammenhang mit den Kriegen in Afghanistan und im Irak auf der Plattform Wiki Leaks ausgelöst wurde.
  • Elektronische Medien haben den Wunsch geweckt, sich frei auszudrücken und sich auf kultivierte Weise auszutauschen. Sie fördern die Kultur des gegenseitigen Respekts und Achtung der anderen Meinung, weil sie eine Interaktion, Intervention und kontinuierliche Kommunikation in vielfältiger Weise zwischen den Schriftstellern und Lesern sowie zwischen den Lesern und Leserinnen selbst ermöglichen. Gleichzeitig aber drücken die elektronischen Medien das Niveau der Texte. Diesen Preis muss man jedoch zahlen, um die Presse zu demokratisieren und die Grundlagen des Schreibens zu erweitern, damit die Puplikationen nicht nur auf die Elite beschränkt bleiben.
  • Elektronische Medien entwickeln sich auf globaler Ebene in rasant schnellen Schritten und fortdauernd. Auch die arabische Welt ist nicht mehr bzw. nur relariv wenig von dieser Entwicklung isoliert. Denn die uns vorliegenden Informationen weisen daraufhin, dass die Nutzung des Internet in der arabischen Welt deutlich gestiegen ist und das Internet heute eines der wichtigsten Instrumente zur Steuerung der globalen kapitalistischen Wirtschaft und Staatsverwaltung geworden ist und eine globale Tatsache, die nicht mehr wegzudenken ist.

Die elektronische Linke (Left-E)

Der Großteil gesellschaftlicher Aktivitäten wird mittlerweile elektronisch bzw. online durchgeführt; Digitale Medien sind die zentralen Werkzeuge des derzeitigen globalen Kapitalismus geworden, ohne sie könnte er gar nicht mehr bestehen. Und die elektronischen Medien befinden sich in allen Bereichen im Prozess der ständigen Weiterentwicklung, von E-Mail,  E-Business und E-Commerce bis hin zu E-media,  E-work,  E-book, E-Education, E-Government, E-Democracy, E-Election, … etc.

Vor diesem Hintergrund großer, grundlegender Veränderungen muss man sich die Frage stellen, auf welche Weise sich die Linke verhalten und wie sie damit umgehen soll? Soll sie mit den konventionellen Methoden in Organisation, Werbung, Propaganda, Verwaltung und bei den allgemeinen Aktivitäten weiter fortfahren? Oder sollte die Linke nicht versuchen, aus dem grossen technologischen Fortschritt Nutzen zu ziehen und sich anzupassen? Islamistische Gruppen haben zum Beispiel die Informationstechnik längst schon in allen Bereichen sehr effektiv nutzen können. Sie machen den Großteil der Webpräsenz in arabischer Sprache aus und publizieren im Internet auch in anderen Sprachen. Sie haben dadurch so viel Know-how erworben, dass sie technische Kampagnen führen und fortlaufend Andersdenkende terrorisieren.

Für uns als Linke ist es zwingend notwendig, dass wir uns diese gigantische Entwicklung der informations- und kommunikationstechnischen Revolution bzw. Infomedia aneignen und nach dem Prinzip der elektronischen Linken (E-Left) arbeiten, indem wir den größtmöglichen Nutzen aus der technologischen und kommunikationstechnischen Entwicklung ziehen. Dies erfordert, dass wir unsere Vorgehensweisen und Strategien im politischen, ideellen, organisatorischen und informatorischen Kampf neu betrachten und neu entwickeln müssen entsprechend der heutigen Situation und den enormen Veränderungen, die sich weltweit abspielen und in Zukunft noch weiter statt finden werden. Denn die linken Gruppen können dem Kapitalismus, den despotischen Regierungen und den radikalen, religiösen und nationalistischen Gruppen nicht mit der Rhetorik und den Arbeitsgewohnheiten entgegentreten, die auf die Anfänge des vergangenen Jahrhunderts zurückgehen, insbesondere, da die Linke mit all ihren Gruppierungen eine tiefe strukturelle Krise erlebt und immer mehr Verluste erleidet.
   
Heute haben wir es mit Millionen von Anwendern, insbesondere jungen Menschen, zu tun, die die verschiedenen elektronischen Techniken und Tools nutzen wie das Internet, das Mobiltelefon, den
i-Phone, Facebook, Youtube, Weblogs usw. All diese Techniken entwickeln sich schnell und werden in zunehmender Breite eingesetzt. Vor dem Hintergund der zur Verfügung stehenden Mitteln müssen daher neue Mechanismen gefunden werden, um diese Menschen erreichen und auf sie wirken zu können im Hinblick auf grundlegende aktuelle Fragen, die für eine Veränderung unserer Gesellschaften wichtig sind, insbesondere in einer Zeit, da ein allgemeines Abwenden von Printmedien zu beobachten ist. Dies ist eine völlig natürliche Entwicklung, die mit der technischen Entwicklung weiter vorangetrieben wird.

Es müssen daher unbedingt neue Alternativen gefunden werden, um unsere Ziele als Linke an einen möglichst breiten Kreis vermitteln zu können, insbesondere an die Gruppen, die wir gewinnen wollen, und um die wichtigsten Fragen zu unterbreiten für einen Wandel in der Gesellschaft, für ihre Entwicklung und ihren Fortschritt auf politischer, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, umweltpolitischen Ebene sowie für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.
Gefragt ist eine Linke, die eine vernunftsorientierte und realistische Politik auf der Agenda hat, die bei der Definition ihrer praktischen Ziele von den eigenen Fähigkeiten ausgeht sowie von den Fähigkeiten der Gesellschaft und der Gruppen, die sie verteidigt, damit sie sich mit ihren Zielen nicht allzu weit von der Wirklichkeit entfernt, in Träumen schwebt oder sich in starren Theorien verliert, die nur zu einer erneuten Frustration führen.
Die elektronische Linke unterstreicht immer, dass der Mensch mit all seinen Rechten - im internationalen Sinne - das Wichtigste ist, ungeachtet seiner Abstammung, Religion oder Geschlecht. Und sie glaubt an die absolute Gleichberechtigung der Frau und räumt ihr eine Quotenregelung innerhalb ihren Institutionen ein, die laufend nach oben korrigiert werden soll.  

Um sich vom totalitären Denken abzuwenden, das das Denken der Linken einst  dominierte, zeigt sich die elektonische Linke (E-Left) offen durch die Akzeptanz einer Vielzahl von Diskussionsforen und unterschiedlichen Interpretationen sowie durch das Respektieren anderer Meinungen. Sie lehnt eine Verherrlichung bestimmter Texte und die Vergötterung ihrer Führer ab. Sie behauptet nicht, die einzige Wahrheit zu kennen, denn es gibt keine absolute Wahrheit. Sie strebt danach, sich im Denken und in der Umsetzung ihrer Politik immer weiter zu entwickeln. Sie macht sich die modernen Verwaltungsmethoden, wissenschaftliche Forschung und technische und erkenntnistheorethische Entwicklung zu Nutze, um die Arbeit in allen Bereichen auf den aktuellen Stand zu bringen, sie quantitativ und qualitätiv weiterzuentwickeln und um die Ausgaben zu reduzieren - vor dem Hintergrund einer lang andauernden Finanzkrise, durch die die Linke in Mitleidenschaft gezogen ist. 

Al-Hewar al-Mutamaddin als Beispiel der elektronischen Linke und elektronischen Medien

Aus meiner Sicht ist das Forum al-Hewar al-Mutamaddin mit seinen Webportalen und Zentren eines der ersten und größten Formen des ideellen, politichen, sozialen, kulturellen und umweltpolitischen Kampfes der organisierten elektronischen Linken in der arabischen Welt. Das Forum al-Hewar al-Mutamaddin ist in seinem Wesenszug eindeutig links (E-Left) und betrachtet dies als einen seiner wichtigen Grundsätze. Weil:

  • Das Forum benutzt und erfindet neue Begriffe, insbesondere im medialen, kulturellen und politischen Bereich. Es hat von der Krise und den Fehlern der Linken gelernt und stützt sich auf den erkenntnistheoretischen Fortschritt und die Entwicklung der linken Theorie in Bezug auf die Menschenrechte.
  • Das Forum hat schnelle technische Mittel zur Verfügung, die es ermöglichen, eine große Zahl an Zielgruppen zu erreichen und durch moderne Kommunikationsmittel zu mobilisieren. Das Forum achtet darauf, alle Gruppen der Gesellschaft anzusprechen, und nicht nur die Elite, um sie an den verschiedenen Fragestellungen teihaben zu lassen und mit ihnen in einen Dialog zu treten.
  • Es ist ein offenes Forum für alle linken, säkularen, demokratischen und aufgeklärten religösen Richtungen. Gleichzeitig hat sich das Forum zur Pflicht gemacht, stets offen zu sein für unterschiedliche Meinungen und die Meinung Andersdenkender zu respektieren, einschießlich die Meinungen derer, die gegenüber der Linken und ihrer Erfahrung kritisch sind.
  • Al-Hewar al-Mutamaddin ist das erste Forum, das verschiedene linke, säkulare und demokratische Gruppen zu einem offenen Dialog und gegenseitiger Koordination eingeladen hat. Diese sind aufgefordert, an jenen Punkten zusammenzuarbeiten, bei denen sie sich einig sind, und sich in einem ”zivilen Dialog” auszutauschen über alle anderen Punkte, bei denen sie verschiedener Meinung sind.
  • Das Forum lehnt den politischen, institutionellen und elitären Radikalismus ab. Es arbeitet – über alle Parteigrenzen hinaus - auf breiter gesellschaftlicher Basis. Regelmäßig fordert es Feedback von seinen Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Lesern, damit es seine Arbeit bewerten und den Grad des Erfolgs messen und weiterentwickeln kann.
  • Niemals hat al-Hewar al-Mutamaddin despotischen Regierungen in der arabischen Welt geschmeichelt oder mit ihnen Frieden geschlossen, ihren Verlockungen nachgegeben oder sich vor ihrer rücksichtslosen Gewalt gefürchtet. Deshalb wurde das Forum in vielen arabischen Ländern verboten, z.B. in Saudi-Arabien, Bahrain, Tunesien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Syrien, neuerdings auch in Kuwait. Das Forum wurde als eines der meist verbotenen Foren in der arabischen Welt eingestuft und mehrmals wurde von verschiedenen Richtungen versucht, es zu sabotieren und zu verbieten. Viele der Autoren wurden verhaftet, welches für das Forum spricht, auf das wir stolz sind.

Der Einfluss von al-Hewar al-Mutamaddin

Al-Hewar al-Mutamaddin hat Vieles erreichen können. Für viele Menschen ist es zu einem wichtigen und effektiven Mittel in der arabischen Welt geworden, linke, freiheitliche, säkulare und aufgeklärte religiöse Ideen zu publizieren und zu verbreiten.
Sein Wirken lässt sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

  1. Förderung des kultivierten, engagierten, konstruktiven Dialogs zwischen den verschiedenen idealistischen politischen Richtungen, insbesondere den linken und säkularen Gruppen sowie die Diskussion aller Themen, einschließlich der tabuisierten.
    Dies geschieht durch:
    • Dossiers und Diskussionsforen zu verschiedenen Themenbereichen (mehrere Duzend)
    • Umfragen zu bestimmten Themen, ”Gib deine Meinung ab” (mehrere Hundert)
    • die Möglichkeit, Beiträge öffentlich zu kommentieren.
    • das Projekt ”Offener Dialog”, in dem Leserinnen und Leser einen Dialog mit den wichtigsten Autorinnen und Autoren des Forums führen können.
    • Verbot von Beleidigungen und gegenseitigen Verletzungen, sei es zwischen den Autoren untereinander oder den Autoren und jenen, die ihre Beiträge kommentieren.
      Regeln, die einem solchen Verhalten Grenzen setzen und das Bestreben, die geistigen und moralischen Maßstäbe für das Schreiben und den Dialog auf einem möglichst hohen Niveauzu halten.
  2. Bloßstellen von Menschenrechtsverletzungen jeder Art und Druck ausüben auf die Täter, um ihre Taten durch Hinzeigen und Publizieren zu stoppen. Die Online-Kampagnen spielten eine große Rolle bei der Enthüllung von Despotismus und Menschenrechtsverletzungen.
    Öffentlicher Druck, um möglichst viele, die sich wegen ihrer Meinung oder Konfession in Gefangenschaft befinden, zu befreien. Al-Hewar al-Mutamadin steht an der Spitze derer, die die Aufhebung der Todesstrafe in der arabischen Welt fordern.
  3. Aufmerksam machen auf die Situation der Frauen und die Praxis der Gewalt gegen sie sowie die Forderung nach voller Gleichberechtigung mit dem Mann.
  4. Betonung der Rechte von Kindern,  Jugendlichen und Behinderten, die eine besondere Aufmerksamkeit benötigen.
  5. Tausenden von Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesern ein Diskussionsforum zu bieten und damit am Prozess des Wandels teilhaben zu lassen, nachdem sie aus den Printmedien ausgeschlossen wurden, wegen der politischen Einflussnahme von Regierungen, die diese Printmedien finanzieren und Grenzen für das Publizieren festgelegt haben. Hunderten von diesen Autorinnen und Autoren gab al-Hewar al-Mutamaddin seit seiner Entstehung eine Stimme.
  6. Wir haben auch einige Bücher herausgegeben, konnten als Verleger jedoch nicht fortfahren, da die finanziellen Mitteln nicht ausreichten.
  7. Die Fachzentren von al-Hewar al-Mutamaddin spielen eine wichtige Rolle dabei, unsere Ziele zu unterstützen. An vorderster Stelle steht dabei das Zentrum für die Gleichberechtigung der Frau, das viele Aktivitäten hat.
  8. Veröffentlichung mehrerer Tausend Kunst- und Literaturbeiträge mit einer fortschrittlichen humanen Richtung.
  9. Die uneingeschränkte öffentliche Debatte über Themen, die als Tabu gelten wie die offene Kritik an Religionen, Göttern und religiösem Denken, Homosexualität, Todesstrafe, Despotismus und politischen Systemen.

Statistiken von al-Hewar al-Mutamaddin

Im Folgenden seien kurzgefasst einige Zahlen und Daten genannt von der Entstehung des Forums bis zu dem Tag, an dem ich diese Rede geschrieben habe:

  • Auf der Webseite des Forums werden täglich 100 Essays, 600 Komentare und 2000 Newsticker publiziert
  • An der Publikation beteiligten sich mehr als 15 000 Autorinnen und Autoren.
  • Es wurden insgesamt mehr als 200 000 Beiträge in allen Fachbereichen publiziert.
  • Mittlerweile gibt es täglich mehr als 160 000 Zugriffe auf die Seiten.
  • Seit seiner Entstehung bis heute gab es mehr als 310 Millionen Nutzer, die auf die Seiten von al-Hewar al-Mutamaddin zugegriffen haben.
  • Seit seiner Entstehung bis heute wurden etwa 550 Millionen Beiträge gelesen.
  • Das Portal hat mehr als 30 000 Untergeordnete Rubriken für seine wichtigsten         Autorinnen/Autoren eingerichtet.
  • Etwa 2 Millionen Leserinnen und Leser beteiligten sich durch Kommentieren der Beiträge, Beteiligung an Diskussionen, Abstimmungen, Umfragen und Kampagnen an den offenen Diskussionen.

Die wichtigsten Stationen von al-Hewar al-Mutamaddin

2000:

Nach meinem Informatikstudium arbeitete ich bei einer dänischen Firma als Programmierer und Systementwickler. Einer der Vorteile meiner Arbeit dort war, dass mein Arbeitgeber seinen Mitarbeitern eine kostenlose, private Internetseite mit begrenztem Speicherplatz zur Verfügung stellte. Diese lag auf einem der Server des Arbeitgebers. Ich beantragte eine solche Internetseite auf meinen Namen. So entstand das Portal erst einmal als Privatseite mit der http-Adresse ”rezgar.com”, beginnend am 15.12.2000.

2001:

Nachdem ich mich aus der offiziellen Parteiarbeit im Jahr 2000 zurückgezogen hatte, entstand die Idee, von der technischen Entwicklung und dem Internet Gebrauch zu machen und die modernen Werkzeuge zu nutzen für die Verbreitung fortschrittlicher menschlicher Werte, um Despotie und Unterdrückung in all ihren Formen zu bekämpfen, aus welcher Richtung sie auch kommen, den zivilisierten, konstruktiven Dialog zu beleben, Andersdenkenden zuzuhören und sie zu respektieren, und die Zusammenarbeit zwischen Menschen verschiedener politischer Denkweisen zu fördern. Wir entwickelten die Webseite sowohl technisch als auch organisatorisch weiter und starteten am 09.12.2001 al-Hewar al-Mutamaddin in seiner ersten geordneten Form. Das ist das offizielle Geburtsjahr des Internetauftritts von al-Hewar al-Mutamaddin. In den ersten Jahren habe ich das Forum persönlich verwaltet und finanziert, und in einer nur kurzen Zeit wurde es zu einem der wichtigsten arabischen Webportale jener Zeit.

2002:

Im Jahr 2002 beendete die Firma, bei der ich damals arbeitete, meine Webseite al-Hewar al-Mutamaddin. Der Server, auf dem noch Webseiten vieler großer Institutionen und dänischer Ministerien lagen, brach wegen erhöhter Zugriffe sehr oft zusammen. Man ging der Sache nach und fand heraus, dass allein 95 % der gesamten Zugriffe dem Forum al-Hewar al-Mutamaddin galten, was meine Firma zum sofortigen Entschluss veranlasste, meine kleine private Webseite zu stoppen. Ich musste vorübergehend pausieren, bis ich bei einem Privatanbieter Speicherplatz mieten konnte. Viele Anbieter kündigten kurzfristig den Vertrag, sobald sie merkten, welches Ausmaß der kontinuierte Zuwachs der Zugriffszahlen und Besucher auf die Webseite al-Hewar al-Mutamaddin hatte.
    

2003:

Die Seite von al-Hewar al-Mutamaddin erlebte ein Relaunch im Design und es wurden neue Dienstleistungen angeboten:
Beginn der Solidaritätskampagnen

2004:

Jetzt entwickelte sich al-Hewar al-Mutamaddin in Richtung Teamarbeit.
Neue Mitglieder schlossen sich an das bestehende, aktive Arbeitsteam an, was eine sprunghafte Entwicklung an Qualität und Quantität mit sich brachte. Das Portal wurde noch größer und wurde bereichert durch ihre Ideen und Beiträge sowie durch ihre fleißige  ehrenamtliche Arbeit. Sie trugen auf mehreren Ebenen je nach Kräften und Möglichkeiten dazu bei, die Stellung von al-Hewar al-Mutamaddin zu befestigen und zu entwickeln. Das Team war wunderbar, es trat mit seiner treuen, ehrenamtlichen Tätigkeit für linke, demokratische und säkuläre Werte ein und arbeitete nach festgelegten Publikationsregeln. Bestärkt wurden die Arbeitsregeln durch transparente demokratische Mechanismen. Das bedeutete aber nicht, dass es nicht auch interne Probleme oder Meinungsunterschiede gab, denn die oft lange, ermüdende ehrenamtliche Arbeit und die Meinungsunterschiede führten oft zu Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Arbeit und der Darstellung der Sichtweisen. Aber alle gaben sich große Mühe, diese Probleme zu überwinden und zu lösen in freundschaftlicher, demokratischer und zivilisierter Weise. Über die Kolleginnen und Kollegen im Vorstand von al-Hewar al-Mutamaddin kann man unter folgendem Link mehr erfahren: http://www.ahewar.org/about.asp
 
Im Jahr 2004 erfolgte auch das Verbot der Seite al-Hewar al-Mutamaddin in Saudi-Arabien, Tunesien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Beginn der Arbeit des Zentrums für die Gleichberechtigung der Frau, das sich auf Frauenthemen und Frauenrechte spezialisiert.
Gründung des Zentrums für säkulare Studien und Forschung in der arabischen Welt.
Gründung des Zentrums für arbeitsverbands- und gewerkschaftliche Studien und Forschungen in der arabischen Welt.
Gründung des Zentrums für marxistische und linke Studien und Forschung.
Einrichtung von Unterseiten als Rubriken für die wichtigsten Autorinnen und Autoren. Sie erreichen bald 3300 Seiten.

2005:

Kurz nachdem al-Hewar al-Mutamaddin Drohungen von einem religös fanatischen Millionär erhalten hatte, versuchte man mit allen Mitteln al-Hewar al-Mutamaddin zu sabotieren und seine Arbeit zu beenden. Tatsächlich schaffte man es, durch Programmierarbeit die Webseite für zwei Wochen zu stoppen. Nach einem Spendenaufruf unter den Autoren und Unterstützern gab es eine sehr positive Reaktion. Alle versuchten mit den Mitteln, die sie hatten, ihre Webseite vor der Zerstörung zu bewahren. Das ermöglichte uns, die Arbeit auf dem nunmehr eigenen Server mit technisch hohem Niveau und voller Kontrolle über sicherheitstechnische Fragen wieder aufzunehmen.
Ich möchte hier erwähnen, dass die Seite von al-Hewar al-Mutamaddin, trotz ihrer vielen Gegner, bis heute nicht ein einziges Mal gehackt wurde. Dies ist dem Firewall, den streng eingehaltenen Sicherheitsmaßnahmen und dem verantwortungsvollen Umgang meiner Kollegen im Vorstand zu verdanken.
Im gleichen Jahr 2005 haben wir auch den Nachrichtenbereich und den „Newsletter“ gestartet.

2006:

Herausgabe der Literatur- und Kunstzeitschrift „Murug at-tamaddun“ (Grünland der Zivilisation).
Al-Hewar al-Mutamaddin wird in Syrien und Bahrain verboten.

2006-2007:

Mit Unterstützung der schwedischen Olof Palme-Stiftung publizierte al-Hewar al-Mutamaddin eine Reihe von Büchern.

2007:

Gründung des Zentrums „Recht auf Leben“ zur Bekämpfung der Todesstrafe.
Änderung der Domäne von al-Hewar al-Mutamaddin von „rezgar.com“ zu „ahewar.org“, um die Verwaltung weiter zu entwickeln, die Mechanismen der Teamarbeit zu stärken und al-Hewar al-Mutamaddin als eine demokratische öffentliche Institution darzustellen.

2008:

Einführung der Möglichkeit für Leser, publiziertes Material zu kommentieren.
Einführung der Rubrik „Meinungsumfragen“: “Gib deine Meinung ab“.

2009:

Gründung der Online-Bibliothek Maktabat at-tamaddun (Bibliothek der Moderne) und des YouTube-at-tamaddun (You Tube der Zivilisation).
Online-Präsenz bei Twitter
Online-Präsenz bei Facebook

2009-2010:

Das Zentrum „Frauengleichberechtigung“ startet das Programm „Heiße Spur“ zum Schutz der Frau im irakischen Kurdistan. Unterstützt wurde das Projekt von einer dänischen Frauenorganisation in Zusammenarbeit mit LOK, einer großen dänischen Organisation, die 42 Frauenhäuser in Dänemark verwaltet, ebenso der jordanischen Frauenunion und der Organisation „Stärkung der Frau“ (Tamkin al-Mar’a) im irakischen Kurdistan.

2010:

Einführung der neuen Rubrik „Autorinnen/Autoren der Moderne“ (Katibat wa Kuttab at-tamaddun).
Al-Hewar al-Mutamaddin wird in Teilen von Kuwait verboten, insbesondere bei Kunden der Telekommunikationsfirma „Zain“.
Einführung eines in der arabischen Welt einzigartigen Projekts, bei dem Autorinnen und Autoren sowohl untereinander als auch mit den Lesern in einen Dialog treten. An diesen Dialogen nahmen bisher teil: Dr. Kadhim Habib, Dr. Tarek Haggy, Dr. Nayef Hawatmeh, Yassin Haj Saleh,  Nawal El Saadawi, Nader Kreat, Muhammad Ali Muqallid, Bourhan Ghalioune, Salama Kela, Amel Grami. Für die nächsten Monate sind noch weitere Dialoge geplant.
Einrichten der Rubrik „Studien und Forschungen“ der Moderne.

Al-Hewar al-Mutamaddin plant noch Dutzende weitere Projekte. Um sie durchzuführen, bedarf es jedoch noch finanzieller und personeller Unterstützung. Trotz der begrenzten finanziellen Mittel hat al-Hewar al-Mutamaddin es geschafft, eine Vorrangstellung unter den Webforen von Medienanstalten der arabischen Welt einzunehmen mit einem Budjet, das bei der Gründung nicht mehr als 20 Dollar monatlich ausmachte und heute nur 1000 Dollar im Monat beträgt. Das Forum Al-Hewar al-Mutamaddin finanziert sich selbst durch Google-Werbung und Spenden seiner Autorinnen, Autoren und Unterstützer. Es ist von allen Regierungen oder Parteien politisch vollkommen unabhängig und lehnt jede Finanzierung durch Institutionen ab, die in irgendeiner Weise mit despotischen Regimen, mit Menschrechtsverletzungen oder Freiheitsbeschneidung zu tun haben oder Bedingungen stellen,  die unsere Freiheit und Unabgängigkeit eingrenzen.

Es mag sein, dass das Forum al-Hewar al-Mutamaddin hinsichtlich der Verwaltung, des Personals und den finanziellen Möglichkeiten klein ist. In Wirklichkeit ist es aber eines der größten Medieninstitutionen in der arabischen Welt, was die Beiträge von Schriftstellern, Lesern und gegenseitigem Dialog anbetrifft. Ferner gehört es bekannterweise zu den modernen, effektiven linken Einrichtungen, die eindeutigen Einfluss ausüben, insbesondere auf medialer, geistiger und kultureller Ebene, sogar auf politisch-provokanter Ebene.
Gegründet wurde al-Hewar al-Mutamaddin als private Initiative, die sich dann aber über die Jahre zu einer bekannten kulturellen Medieninstitution entwickelt hat, die gemeinsam von fähigen Fachkräften auf ehrenamtlicher Basis verwaltet wird. Das Team von al-Hewar al-Mutamaddin arbeitet harmonisch, die Arbeit ist absolut transparent, und alle werden bei der Entscheidungsfindung und der alltäglichen Verwaltungsarbeit beteiligt. Dies ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb al-Hewar so erfolgreich ist und trotz aller Schwierigkeiten fortbesteht. Ein weiterer Grund für den Erfolg ist der Zuwachs der Autoren von beiden Geschlechtern und verschiedenen Altergruppen und Richtungen, die die 15 Tausend erreicht haben, ferner der Zuwachs an Besuchern, Fans und Unterstützern einer unabhängigen, aufgeklärten, linken, demokratischen, säkularen Linie und die ehrliche moralische  Unterstützung seiner Autoren und Besucher.
Unser Weg in den letzten neun Jahren wurde begleitet von vielen Schwierigkeiten, Problemen und Fehlern, die aber weitestgehend gemeinsam überwunden und gelöst werden konnten.

Schlusswort

Zu guter letzt möchte ich mich stellvertretend für meine Kolleginnen und Kollegen im Vorstand von al-Hewar al-Mutamaddin noch einmal beim Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought bedanken, dass er uns dieses Jahr den Preis verleiht. Wir sind stolz darauf und betrachten den Preis als Ansporn für unsere weitere ehrenamtlich basierte, kreative Arbeit. Er wird uns ohne Zweifel bestärken, die Arbeit weiter zu entwickeln und zu verbessern.

Vielen Dank an die Jury, die al-Hewar al-Mutamaddin zum Preisträger gewählt hat.

Mein Dank gilt auch den vielen Autorinnen und Autoren und den Besuchern unseres Forums, die uns für den Preis vorgeschlagen haben.  

Der Preis ist nicht nur eine Auszeichnung des Vorstands von al-Hewar al-Mutamaddin, sondern eine Auszeichnung auch für die Autoren und Besucher unseres Portals und für alle links orientierten, demokratischen, säkularen Gruppen in der arabischen Welt, für all die al-Hewar al-Mutamaddin ein breites Forum ist.

Wir freuen uns auf eine weitere fruchtbare Arbeit, auf Weiterentwicklung und Erfolg und eine möglichst breit angelegte Beteiligung am Wandel, an der Aufklärung und Modernisierung, an der Verbreitung des linken, demokratischen säkularen Gedankenguts in der arabischen Welt sowie in der gesamten Welt.

Ich wünsche mir auch, dass dieser Preis, der an große Pioniere des Denkens wie Mohammed Arkoun, Nasr Hamid Abu Zaid und Mohammed Abed al-Jabri verliehen wurde, die alle nicht mehr unter uns sind,  … dass dieser Preis für uns alle eine Motivation ist, weiterzumachen und uns fortzuentwickeln.

Herzlichen Dank an alle

Rezgar Akrawi