Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Dr. Abier Bushnaq
Saif Karomi

Die 1. Vorsitzende des Funds, Dr. Abier Bushnaq, begrüßt die Gäste und Saif Karomi spielt zwei Musikstücke aus seinen eigenen Kompositionen: "Spirit - hadith al-rouh", im Geiste von Goethe, der einmal sagte: "Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen, Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen" und "Irtiqá - Stufen des Lebens", die Saif Karomi nach einem Gedicht von Herrmann Hesse komponiert hat.

Dr. Hamid Fadlalla
Heidewig ElHadidi

In der Begrüßungsrede des Ibn Rushd Funds sprachen
Dr. Hamid Fadlalla und Heidewig ElHadidi. "Insgesamt standen 9 Kandidaten zur Wahl aus 6 arabischen Ländern. (...) heute ehren wir einen kritischen Denker, engagierten Kämpfer und anerkannten Weltwirtschafts-Experten, der schon sehr früh einen politisch couragierten Weg eingeschlagen hat. (...) Seine Kapitalismuskritik ist heute wieder von brennender Aktualität (...) Den Kern seiner Aussage sehen wir in der Feststellung: "Eine soziale Revolution ist zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht von einer kulturellen Revolution begleitet wird.“ Amin warnt vor dem Niedergang der Demokratie und sieht in der Demokratie die absolut notwendige Voraussetzung für eine gerechte wirtschaftliche Entwicklung aller Gesellschaften (...)"

Prof. Dieter Senghaas

In seiner Laudatio erzählt Prof. Dieter Senghaas (Universität Bremen) von Samir Amins Entwicklung vom kritischen, politisch engagierten Studenten bis zum Weltökonomen und Präsidenten des Third World Forums. "In allen Werken zeigt sich Amin als scharfsinniger Analytiker, gleichzeitig jedoch immer auch als politischer Schriftsteller. (...) Das Erstaunliche also ist, dass Amin 1957 die Kritik an Positionen vorweggenommen hatte, die erst in den zehn bis zwanzig Jahren danach von seinen späteren intellektuellen Widerparts in aller Differenziertheit vorgetragen wurden. Seine Kritik traf auch den Sowjetmarxismus (...)."

Senghaas: "Aus der Darstellung wird klar, dass für Samir Amin die Agrarfrage von zentraler entwicklungsstrategischer Bedeutung war und ist. (...) Aus Amins Analysen ließ sich prognostizieren, dass der Übergang aus einer peripheren Akkumulationsdynamik in eine breit gefächerte volkswirtschaftliche Entwicklung vom Typ des metropolitanen Kapitalismus unwahrscheinlich bleibt, wenn nicht gar unmöglich ist (...). Deshalb sein Plädoyer für „déconnexion“/„delinking“, also Abkopplung. (...) Eine so definierte Strategie „autozentrierter Entwicklung“ mit dem Hilfsmittel der Abkopplung ist nicht vorstellbar ohne eine aktive Intervention des Staates."

Prof. Samir Amin
Prof. Samir Amin

Prof. Samir Amin macht seine Position von Anfang an in seiner Rede mit dem Titel "Die Kapitalismuskrise überwinden – oder den Krisenkapitalismus selbst?" deutlich: "Die weltweiten Verarmung hat ihre Ursache in der Krise des kapitalistischen Systems".

Prof. Samir Amin
Prof. Samir Amin

"Der historische Kapitalismus mag noch so viele Eigenschaften in sich tragen, er ist jedoch niemals beständig und von Dauer gewesen. Er ist nichts anderes als eine vorübergehende Etappe in der Geschichte. Die Bedrohung der Existenz des Kapitalismus - die die Mehrheit der Linken als nicht möglich oder gar unerwünscht betrachtet - umfasst den Befreiungskampf der Arbeiterklasse (Proletariat als Ganzes, wie ich es zu pflegen sage) und den Kampf der beherrschten Völker (also der Völker in den Peripherien, die 85 % der Menschheit ausmachen). Man kann auch nicht diese beiden Flügeln des Widerstandes voneinander trennen."

Prof. Samir Amin
Prof. Samir Amin

"(...) Dies zeigt, dass die "Energiekrise" nicht durch die Knappheit der Ressourcen verursacht wird (das gilt natürlich auch für Erdöl), und auch nicht als erste zerstörerische Folge einer Art der Produktion und des gierigen Konsumierens der heute gängig gebrauchten Energiequellen angesehen werden kann. (...) Auch die Lebensmittelkrise ist auf gleiche Weise nicht dadurch entstanden, weil man Bioenergie auf pflanzlicher Basis auf Kosten von Lebensmittel produzierte, auch wenn diese Massenproduktion auf Tatsachen beruht und Schaden anrichtet. (...)
Die liberale Krise zwingt einem (...), eine grundlegende Kritik an den Kapitalismus auszuüben auf der Basis des marxistischen Denkens. Diese Arbeit ist ein Beitrag im Rahmen dieser Bemühungen."
"(...) Ich beende daher meinen Vortrag mit einem Zitat von Gramsci: "Ich bin Pessimist aufgrund der Einsicht, aber Optimist auf Grund des Willens".

Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought verleiht dem ägyptischen Ökonomen Prof. Samir Amin den Ibn Rushd Preis für Freies Denken 2009 "für seine Bemühungen um ein globales Wirtschaftssystem ohne Hegemonien, geprägt durch eine wahrhafte gleichberechtigte Beteiligung aller Länder"
Herzlichen Glückwunsch!

From left to right: Back row: Hikmat Bushnaq-Josting, Nabil Bushnaq, Dr. Abier Bushnaq, Dr. Sami Ibrahim, front row: Dr. John Nasta, Prof. Samir Amin, Dr. Hamid Fadlalla
Top: Prof. Dieter Senghaas, Dr. John Nasta, Dr. Abier Bushnaq
Back: Hikmat Bushnaq-Josting, Nabil Bushnaq, Dr. Abier Bushnaq, Dr. Sami Ibrahim, front: Dr. John Nasta, Prof. Samir Amin, Dr. Hamid Fadlalla
Unter den Gästen befinden sich Akademiker, Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Künstler verschiedener Nationalitäten.
Dr. Günther Orth
Prof. Samir Amin

Einige Journalisten nutzen die Gelegenheit für ein Interview mit dem Preisträger. Vertreter von Presse, Rundfunk und Fernsehen (an-Nil TV, Deutsche Welle, Radio Berlin Brandenburg, u. a.) berichten von dem Ereignis. Souverän übersetzt Dr. Günther Orth die frei gesprochene Rede von Prof. Samir Amin simultan ins Deutsche.

In der um 17 Uhr einberufenen Pressekonferenz beantwortet Samir Amin die Fragen der Journalisten.
Abschließend wurde Baqlawa und Tee serviert.