Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

 

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Laudatio Anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises an Muhammad Abed al-Jabri am 10.12.2008

Laudatio von Michael Gaebel.

Mohammed Abed al-Jabri wurde 1935 in Fagig in Marokko geboren. Früh schon findet er zum Lehrerberuf, aus einer politisch bedingten Notsituation heraus. Als Mohammed V 1953 aus Marokko ausgewiesen wird, werden die höheren Schulklassen, zeitweilig geschlossen, darunter auch die, die al-Jabri besucht. Darauf beginnt der damals siebzehnjährige in der Primarschule zu unterrichten.

Nach der Unabhängigkeit Marokkos 1957 schlägt er die Schullehrerlaufbahn ein, und engagiert sich auch bald schon politisch und journalistisch.

Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit in Schule und Zeitung, studiert er in Rabat Philosophie, und schließt 1970 mit der Doktorwürde ab – das erste Doktorat in Philosophie, das in Marokko verliehen wurde.

Im Jahr darauf wird er Hochschuldozent, bleibt aber politisch engagiert, und ist unter anderem an der Vorbereitung des Aufstandes von 1972 beteiligt. Mehrmals wird er verhaftet.

Bereits während seines Studiums hat er ein Philosophielehrbuch für die Schule verfasst. In der Folge entstehen zahlreiche pädagogische und philosophische Schriften.

Seine philosophische Arbeit ist Anfang der achtziger Jahre dann auch der Anlass für seinen Rückzug aus der Sozialistischen Partei, der er jedoch weiterhin verbunden bleibt, und mit Rat zur Seite steht.

In dieser Zeit setzen auch seine Arbeiten zur Kritik der arabisch-islamischen Ideen- und Geistesgeschichte ein, die schließlich in einem vierteiligen Werk zur Kritik der arabischen Vernunft resultieren, und ihn zu einem bekanntesten Philosophen der arabischen Gegenwart werden lassen.

Die Frage, die er stellt, beschäftigt eine ganze Generation von Intellektuellen: es gilt die politische und intellektuelle Bilanz aus der Katastrophe, der Nakba von 1948 und dem Rückschlag, der Naksa von 1967 zu ziehen hat. Zweimal werden die arabischen Armeen vernichtend geschlagen, mit den bekannten, bis heute andauernden Folgen für die palästinensische Bevölkerung und die benachbarten arabischen Staaten, was in der gesamten arabischen Welt Erschütterung und Entmutigung auslöst. Die außenpolitische Niederlage koinzidiert mit dem wachsenden Bewusstsein in der Bevölkerung und unter den Intellektuellen, dass die jungen unabhängigen Staaten ihre liberalen und sozialistischen Fortschritts-, Wohlstands- und Demokratieversprechungen nicht einhalten.

Es ist eine Krisenerfahrung, die die von Tahtawi, Afgrani, Abduh und Rida im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eingeleitete Renaissance (Nahda) - eine Aufklärungsbewegung, die den Islam seines historischen Ballastes befreien und ihn in seiner ursprünglichen, mit technischem und wissenschaftlichem Fortschritt im Einklang stehenden Form begreifen will - in Frage stellt, bzw. ihr eine neue Richtung gibt. Das Projekt der Moderne scheint in der Arabischen Welt wenn nicht gescheitert, so doch zum Stillstand verlangsamt, und die Frage nach den Ursachen stellt sich dringender denn je.

Warum so fragt al-Jabri, und mit ihm viele seiner Zeitgenossen, hat die arabische Welt, anders als die europäische, keine wirkliche Renaissance erfahren? Und auch seine Antwort liegt in der weit zurückliegenden Vergangenheit, jenseits der Kolonialismuserfahrung und der Gegenwart der totalitären Regime mit ihren politischen, ökonomischen und kulturellen Defekten.

Jedoch anders als viele seiner Zeitgenossen sieht al-Jabri die Ursache nicht im Abweichen vom Glauben und seinen Geboten, sondern im Verfall der arabischen Vernunft (Aql) und des arabischen Denkens (Fikr), und folgerichtig kann die Lösung nicht in einer nostalgisch verklärten und ideologisch hybriden Stilisierung des „Dritten Wegs“ und der Wiedererrichtung eines auf religiösen Geboten basierenden politischen Gemeinwesens liegen, sondern in der kritischen Revision des Erbes.

Es ist kein einfacher Weg, den al-Jabri eingeschlagen hat, doch für den Philosophen und Pädagogen scheint der einfache Weg weder Ziel noch Weg gewesen zu sein.

Mehrmals ist er wegen seiner politischen Position verhaftet worden, hat renommierte und finanziell einträgliche Stellungen für politisch glaubwürdigere und intellektuell redlichere aufgegeben.

Ein intellectuel engagé im besten Sinne, der sich nicht allein als Beobachter und Analytiker versteht, sondern sein eigenes Leben und Handeln als Teil des gegenwärtigen politischen und kulturellen Geschehens versteht.

Eine Auflistung der vormalig erworbenen Verdienste und Ehrungen ist ein übliches Element im Genre der Laudatio, und könnte auch hier angeführt werden. Stattdessen möchte ich mich hier auf einige der Ehrungen beschränken, die al-Jabri abgelehnt hat: den Preis von Saddam Hussein, den Gaddafi-Preis für Menschenrechte, und noch zur Zeit Hassan II die Fellowship in der Marokkanischen Königlichen Akademie– den letzteren hat er sogar zweimal abgelehnt.

Die Preisgeber stehen nicht gerade den Ruf, politisches Freidenken und Meinungsfreiheit zu stützen. Wie kommt es, so fragt man fragt sich unwillkürlich, dass totalitäre Staatsoberhäupter und Gewaltherrscher einen radikalen Demokraten und streitbaren Widerdenker auszeichnen wollen? Erschien al-Jabri ihnen zu harmlos oder zu weit entfernt, um wirklich gefährlich zu sein? War die Versuchung, einen der meist angesehenen Denker der arabischen Welt zu vereinnahmen, größer als das Risiko, durch die Auszeichnungen eines konsequenten Intellektuellen das eigene politische Handeln in Frage zu stellen? Haben sie sein Werk entweder gar nicht gekannt, oder gehofft es für eine populistisch beschwichtigende Fiktion einer glorreichen Vergangenheit und den Hoffnungen auf arabische Moderne missbrauchen zu können?

Es bleibt ein Rätsel, aber klar ist auch, dass al-Jabri sich auf ein nicht ungefährliches Terrain begibt, eine Gradwanderung, wenn er den Blick auf die Vergangenheit lenkt.

Ein gewagter Zug in einer Zeit, in der der politisch-religiöse Diskurs so mächtig ist, und religiöse wie säkulare Denker sich dem ächtenden Vorwurf der Glaubensfeindlichkeit und des Agnostizismus' ausgesetzt sehen.

Aber vielleicht ist es aus epistemologischer Warte wirklich die einzige Möglichkeit, das hermetische Denken aufzubrechen, und das kulturelle Erbe als Geschichte zu verzeitlichen. In einem Gespräch, das wir 1994 in Casablanca führten, stellte al-Jabri fest, dass „der arabischen Geschichtsauffassung die Dialektik, und die Geschichtsvision fehle, die Verzeitlichung der Kultur. Bei uns wird über die Mutazila wie über Ibn Rushd gesprochen, über Ibn Sina wie über Ibn Rushd, obwohl es da Unterschiede gibt, in der Chronologie, der Konzeption, der Entwicklung usw. Also, (müssen wir) unser Verständnis der arabischen Kultur und seiner Geschichte schreiben, weil diese Geschichte bis auf den heutigen Tag entweder die der verschiedenen religiös-politischen Strömungen ist, oder eine von Europäern geschriebene Geschichte, von der europäischen Ideengeschichte abgekupfert.“

Damit ist auch der Grund genannt, warum al-Jabri den Begriff der Säkularisierung für die arabische Welt ablehnt. Ein Spezifikum der abendländisch-christlichen Geschichte und des ihr eigenen Verhältnisses von Kirche, Staat und Gesellschaft, habe er für die arabisch-islamischen Gesellschaften keinerlei Bedeutung. Der Kirche entsprechende religiöse Institutionen, so al-Jabri, existieren nicht im Islam, können also auch nicht vom Staat getrennt werden.

Das mutet fast sophistisch an, aber tatsächlich lässt sich aus den polymorphen Regelungen und Strukturen, die in den westlichen Ländern das Verhältnis zur Religion regieren, schwerlich eine allgemeingültige Gebrauchanweisung für die Säkularisierung von Staat und Gesellschaft ableiten. Und das ist wohl auch gemeint, wenn al-Jabri darauf hinweist, dass das Konzept keinerlei Verbindung zur arabischen Geschichte hat, und daher nicht anwendbar ist.

Denn anders als viele Stimmen in der arabischen Welt, die Säkularisierung als westliches, dem Islam fremdes Konzept betrachten, sieht al-Jabri sehr wohl die dringende Notwendigkeit, Politik und Religion zu trennen, bezieht sich dabei aber auf andere Konzepte: die Kontrolle der Macht durch Demokratie und die Wahrung der Bürger- und Menschenrechte. In Staat-, Rechts- und Gesellschaftssystemen, die demokratisch sind und das Individuum durch Bürger- und Menschenrechte schützen, sieht er letztlich auch das gemeinsame Ziel von Ost und West.

Damit ist nicht allein dem arabischen Denken und der arabischen Welt gedient.

Gemessen an dem fortdauernd ungläubigen Staunen, das der Hinweis auf die wichtige Rolle die arabischen Wissenschaften für die abendländische Geisteswelt, bei Publika verschiedensten Zuschnitts immer noch auslöst, braucht es bislang immer mal wieder ein Buch a la Artiotele’s Children oder der Name der Rose, um daran zu erinnern, wie die griechische Philosophie in die abendländische kam – um dann doch wieder vergessen zu werden. Es ist nicht wirklich in unser allgemeines europäisches Geschichtsbewusstsein eingedrungen, und das sollte uns Anlass zum Nachdenken geben.

Und es sollte uns zu denken geben, dass ein so bedeutender Denker der arabischen Welt wie al-Jabri kaum in westliche Sprachen übersetzt ist und dementsprechend in Europa kaum gelesen wird. Dabei braucht die Welt, und nicht nur die arabische Welt, das arabische Denken, das der Vergangenheit, aber auch das der Gegenwart um zu einem besseren, und einem wirklich globalen Verständnis zu gelangen. Und sie braucht den arabischen Denker al-Jabri.

Wie Sie wissen, kann der Philosoph und Autor aus gesundheitlichen Gründen leider nicht selbst der Preisverleihung beiwohnen. In wenigen Wochen wird Mohammed Abed al-Jabri seinen dreiundsiebzigsten Geburtstag begehen. Wir wünschen ihm Gesundheit und alles Gute, und uns – und ich meine uns in Ost und West – dass uns sein Denken noch lange bereichern wird.