Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Laudatio Anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises an Nouri Bouzid am 31.11.2007

Frieder Schlaich


Sehr verehrte Damen und Herren, lieber Nouri Bouzid,

als ich angefragt wurde, diese Laudatio zu halten, habe ich zum ersten Mal vom Ibn Rushd - Preis gehört. Wie zuvor auch bei den Gesprächen über Nouri Bouzids jüngsten Film „Making Of“, ist mir bewusst geworden, wie selbstverständlich freies Denken und freie Meinungsäußerung für mich sind und wie vorsichtig Künstler in vielen anderen Ländern sein müssen, um zu überleben.

Der Ibn Rushd Preis ist ein Preis für freies Denken und geht zum ersten Mal an einen Filmemacher. Ein ungewöhnlicher Preis in unserer Branche, wo die Meinung vorherrscht, „Botschaften solle man mit der Post verschicken“.

Ich fühle mich sehr geehrt, heute einen Filmemacher ehren zu dürfen, den ich seit mehr als 15 Jahren als großen Meister der Filmkunst bewundere. Einen ruhelosen, kämpferischen und gleichzeitig äußerst offenen und hilfsbereiten Menschen, wovon ich bei meinem ersten Kurzfilm, den ich in Tunesien besetzt habe, profitieren konnte.

Lieber Nouri Bouzid, willkommen in Berlin, hier im Goethe-Institut, nicht weit von dem Ort entfernt, wo wir uns zuletzt getroffen haben, um über „Making Of“ zu beraten. Ich freue mich sehr, dass der fertige Film am Sonntag nun endlich auch zum ersten Mal in Berlin und in Deiner Anwesenheit zu sehen ist.

Für einen Filmemacher teilt sich das Leben in seine Filme ein. Man erinnert sich an die Entstehungsjahre wie an die Geburtstage seiner Kinder und man wird sie auch nie wieder los, sie bleiben für immer ein Stück von einem. Deshalb möchte ich Ihnen nun einen kurzen Überblick über Nouri Bouzids Leben geben.

Nouri Bouzid wurde 1946 in Sfax, der zweitgrößten Stadt Tunesiens, geboren.
Er bezeichnet sich selbst als Kind der „Ciné-Clubs“. In den frühen 60er Jahren war er Mitglied im innovativen „Club Lumiere“ von Sfax. Schon beim Abitur wusste er, dass er nichts anderes machen wollte als Kino. Nachdem ihm ein Stipendium verweigert wurde, machte er zunächst eine Ausbildung beim neu gegründeten tunesischen Fernsehen, die er jedoch nicht abschloss, sondern nach Paris ging um sich an der Filmschule IDEC zu bewerben. Studieren war jedoch nicht möglich, denn es war das Jahr 1968 und es herrschte Revolution. Als dann auch noch die Fluggesellschaften streikten, konnte er nicht einmal mehr zurück nach Hause und blieb für 4 Monate in Paris. Eine schicksalhafte Zeit, denn sie hat ihn so sehr geprägt, dass er sich später als „Maoiste“ bezeichnete. Zunächst konnte er aber doch noch Film studieren, in Brüssel am „Institut National Superieur des Arts du Spectacle“.
Nach 4 Jahren Filmstudiums kehrte er zurück nach Tunesien, wo er wegen seiner revolutionären Gedanken „aus Paris“ und der Mitgliedschaft in der „Groupe d’Etudes et d’Action Socialiste Tunisien“ für 5 Jahre ins Gefängnis gesperrt wurde! Das waren die Jahre 1973 bis 1979.

Zurück in Freiheit arbeitete er zunächst als Regieassistent bei befreundeten Regisseuren und bei internationalen Produktionen, die in Tunesien gedreht wurden.
Es dauerte einige Jahre, bis er ein eigenes Projekt hatte, dem er Chancen beim zuständigen Ministerium für Kultur und damit für Filmförderung gab. „L’Hommme de Cendres“ erhielt dann auch Dank der Rückendeckung zahlreicher Kollegen und Freunde aus der Branche die notwendige Unterstützung und konnte 1986 gedreht werden.

„L’Homme de Cendres“ wörtlich übersetzt, „Der Mann aus Asche“ ist ein Film über einen jungen Schreiner aus Sfax, der sich schwer tut, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Als seine Familie die Hochzeit des gerade 20-jährigen beschließt, stellt er sein bisheriges Leben in Frage.

Schon in diesem ersten Spielfilm zeigt Nouri Bouzid nicht nur seine handwerkliche Meisterschaft - der Film ist wunderbar lebendiges, sehr visuelles Kino - sondern auch seine thematische Entschlossenheit. Der Film erzählt über seine Hauptfigur sehr viel von der Ratlosigkeit junger Tunesier, die sich zwischen Tradition, Familie, persönlicher Freiheit und Glück, Moral und Unschuld zerreiben. Schon mit „L’Homme de Cendres“ gelingt Nouri Bouzid, seinem Anspruch von der Filmhochschule gerecht zu werden, Verstecktes zu enthüllen und auf subversive Art von gesellschaftlichen Tabus zu erzählen.

Der fertige Film schlug ein wie eine Bombe, lief beim Filmfestival in Cannes und erhielt eine Vielzahl von Preisen. Er war auch in Tunesien ein großer Erfolg und bot seinen Kritikern wenig Angriffsfläche, weil sein kritischer Blick auf die Gesellschaft mit sehr viel Feingefühl und Liebe zu seinen Figuren ausgestattet war.

Zusammen mit dem erst kürzlich verstorbenen Produzenten Ahmed Attia konnte Nouri Bouzid dann in Folge zwei weitere Filme drehen und schrieb eine Vielzahl von Drehbüchern für andere Regisseure.

Zu den bekanntesten Filmen, die aus Drehbüchern von Nouri Bouzid entstanden, gehören „Halfaouine“ und „Silence du Palais“. Beide waren international sehr erfolgreich. Wenn man sich fragt, warum er diese publikumswirksamen Stoffe nicht selbst verfilmt hat, kommt einem leicht der Gedanke, dass sie ihm inhaltlich nicht radikal genug waren, dass er für einen eigenen Film einen noch stärken Antrieb braucht.

Mit seinem nächsten Film „Les Sabots en Or“ („Die Bremsklötze aus Gold“) scheint er die Gunst der Stunde des Erfolgs von „L’Homme de Cendres“ nutzen zu wollen, um sich inhaltlich noch weiter zu wagen. Der Film thematisiert ein politisch heikles Thema, das wie „L’Homme des Cendres“ autobiographisch geprägt ist. Es geht um die Wiedereingliederung eines politischen Gefangenen in die tunesische Gesellschaft.

1991 nimmt Nouri Bouzid mit einem Film innerhalb einer Kurzfilmsammlung arabischer Regisseure Stellung zum Golf-Krieg, bevor er 1992 seinen bekanntesten Film „Bezness“ veröffentlicht.

In „Bezness“ geht es um Prostitution zwischen europäischen Touristinnen und jungen tunesischen Männern. Der junge Roufa lebt von seinem Körper und träumt davon seinen Heimatort Sousse nach Europa zu verlassen. Seine tunesische Verlobte lässt er nichts von seiner Freizügigkeit spüren. Ihr gegenüber gilt eine andere Moral.
Nouri Bouzid erweitert mit „Bezness“ seinen filmischen Kosmos um den Konflikt zwischen der arabischen und westlichen Welt. Der Traum von Europa spielt von nun an in allen seinen Filmen eine große Rolle.

Starke interessante Frauen fallen in allen Filmen Nouri Bouzids auf, und in allen Filmen spielt die Rolle der Frau in der tunesischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. In „Bent Familia“, „Ein Mädchen aus gutem Hause“, spielt erstmals eine Frau die Hauptrolle. Genauer gesagt, geht es sogar gleich um drei Frauen die studiert und die Freiheit für sich entdeckt haben, aber innerhalb einer unumgänglichen Familienordnung, in der das Heiraten das einzig wichtige ist, leben.

„Poupées d’Argile“ („Puppen aus Ton“) von 2002 führt das Thema von „Bent Familia“ aus einer anderen Perspektive fort. Eine junge Frau und die neunjährige Fedda, die als Haushaltshilfen von einem kleinen Dorf im Süden Tunesiens in die Großstadt verkauft wurden, beleuchten in diesem Film eine weitere soziale Realität im heutigen Tunesien.

Kritik an patriarchischen Strukturen, politische Gefangenschaft, Prostitution, Golfkrieg und Kinderarbeit, nie hat Nouri Bouzid seine Themen ausgebeutet, immer war er selbst neugierig und hat sich jahrelang damit beschäftigt. Er ist tief in seine Figuren eingetaucht und hat sich und seine Zuschauer immer neu herausgefordert. Und was das Erstaunlichste ist, er ist nie Müde geworden im Kampf gegen die Windmühlen staatlicher Widerstände. Ganz im Gegenteil, mit seinem jüngsten Film, bei dem ich etwas Einblick in die Produktion hatte, ist Nouri Bouzid der Frage nachgegangen, die ihn seit dem 11. September in seinem Innersten beschäftigte: Warum Terrorismus?

Im Film geht es um den jungen Batha, der sich als Tänzer und Lebenskünstler in Tunis zum Gespött seiner Freunde und Familie macht. Diese Art von Individualismus ist nicht erwünscht. Eine Gruppe religiöser Fundamentalisten nutzt seine verzweifelte Lage aus und wirbt ihn mit falschen Versprechungen für Ihre Ziele an. Der Film zeigt, wie es ihnen fast gelingt, Batha einer Gehirnwäsche zu unterziehen und ihn um 180 Grad umzudrehen.

Als ich zuerst von dem Projekt hörte, war der Titel noch „Kamikaze“ (Selbstmordattentäter), „Making Of“ ist der Titel des fertigen Films. Der Film wird mehrmals unterbrochen, wechselt die Perspektive hinter die Kamera und zeigt die Zweifel und Streitigkeiten des Hauptdarstellers mit dem Regisseur, gespielt von Nouri Bouzid selbst.
Die Ebene eines „Making Ofs“, eines Blicks hinter die Kamera, war nicht nur ein geschickter Schachzug das Thema zu reflektieren, sondern es war notwendig, um den Film überhaupt machen zu können. Nur so war es in Tunesien möglich, einen angehenden Selbstmordattentäter menschlich darzustellen, ihn mit einem attraktiven Hauptdarsteller zu besetzen und seine Wandlung nachvollziehbar, aber damit eben auch abwendbar zu machen.
Vielleicht ist das die Methode Nouri Bouzid, seine Außenseiter, deren Verhalten er kritisch betrachtet, ins Herz zu schließen, um sie zu verstehen, um ihnen helfen zu können.

Aber auch mit dem „Making Of“ waren die Probleme der Produktion noch nicht gelöst. Nouri Bouzid begann die Dreharbeiten, ohne dass die Finanzierung geschlossen war, weil er wusste wie riskant eine Verzögerung sein würde. Mitten in den Dreharbeiten ging das Filmmaterial aus und selbst in der Postproduktion gab es noch monatelange Verzögerungen, weil das zuständige Ministerium die Auszahlung der Raten verweigerte.

Als die erste Kopie dann vor ziemlich genau einem Jahr fertig war, bezeichnete Nouri Bouzid den Film selbst schon als Waisenkind.
Zur Rehabilitierung des Films und zur Aufhebung der Blockade hätte nur die Einladung eines internationalen Filmfestival beitragen können, doch die Berlinale lehnte ab und das in einem Jahr in dem nur ein einziger afrikanischer Film im Programm lief.

Die Rettung kam dann aus dem eigenen Land. Der Film wurde auf dem Filmfestival von Kartago uraufgeführt und mit Preisen überhäuft. Von da an hat der Film einen unglaublichen Siegeszug um die Welt gestartet und hat von New York über Taormina in Italien bis Oran in Algerien die wichtigsten Filmpreise erhalten.

Das durchzuhalten bedarf einer kämpferischen Natur, und die besitzt Nouri Bouzid. Mit keinem Film hat sich Nouri Bouzid versteckt, mit jedem Film hat er Defizite unserer Gesellschaften aufgezeigt. Er ist nie müde geworden oder der Versuchung erlegen, einen schönen exotischen Film zu machen, für den es einen größeren Markt gäbe. Mit seiner konsequenten Filmographie gehört er zu den großen Regisseuren des Weltkinos und ist seinen Vorbildern Pasolini, Godard oder Chahine dicht auf den Fersen.
Und, er engagiert sich weit über die eigenen Filme hinaus: Beim Filmfest in Locarno habe ich ihn als Wortführer einer Gruppe maghrebinischer Filmemacher erlebt und, um seine Erfahrung weiterzugeben, hat er selbst eine Filmschule in Tunesien gegründet.

Wenn der Ibn Rushd Preis in Deutschland verliehen wird, kann es aber auch nicht nur darum gehen, dass ein wichtiger arabischer Künstler geehrt wird, es muss auch um unser deutsches Verhältnis zur arabischen Welt gehen. Meine Erfahrungen und zaghaften Versuche der letzten Jahre als Filmemacher und Produzent Kooperationen zu ermöglichen, waren äußerst frustrierend. Das deutsche Filmfördersystem und besonders das öffentlich-rechtliche Fernsehen haben kaum Mittel oder kein Interesse an einer Zusammenarbeit. Der World Cinema Fond der Berlinale ist mit so wenig Mitteln ausgestattet, dass eine Einreichung einem Lottospiel gleichkommt. Dass auf der Berlinale im letzten Jahr überhaupt kein arabischer Film und nur ein einziger afrikanischer Film zu sehen war, habe ich schon erwähnt, im Kino läuft sowieso fast nichts Arabisches außerhalb von besonderen Events.

Der Ibn Rushd Preis ist ein Preis für freies Denken, aber ich frage mich, wohin unsere Freiheit in Deutschland oder Europa führt, wenn selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kein Platz mehr für Filme wie „Making Of“ ist und wenn Festivals politische Filme mit der Begründung ablehnen, sie seien formal zu konventionell!

Wir müssen uns dabei alle an die eigene Nase fassen und aufmerksamer und neugieriger auf Inhalte werden. Der Austausch unter arabischen und europäischen Filmemachern muss enger werden, was nicht durch schöne Worte möglich ist, sondern durch finanzielle Mittel für Co-Produktionen. Nur über konkrete Projekte und persönliche Kontakte wird es mehr arabische Filme bei uns zu sehen geben.
Ich möchte dabei nicht versäumen, dass es mit der EZEF (Evangelische Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit) und Bernd Wolpert eine große Ausnahme gibt, die bereits drei Filme von Nouri Bouzid unterstützt hat.

In einem Interview vor genau 20 Jahren hat Nouri Bouzid auf die Frage „warum er Filme mache“ geantwortet, dass das Kino ihm erlaube, der Öffentlichkeit ganz langsam und vorsichtig einen Spiegel vorzuhalten bis sie ihr wahres Gesicht selbst erkennt. „Unser wahres Bild zu erkennen heißt, auch unsere Niederlagen zu akzeptieren.“
Dass er diese konsequente Haltung bis heute durchgehalten hat, dafür danke ich Nouri Bouzid ganz herzlich, auch im Namen aller hier Anwesenden.

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Der Vortrag ist auch als PDF zum ausdrucken vorhanden.

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