Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Ibn Rushd Lecture am 9 Mai 2018: Freiheit? Zur Philosophie der Befreiung nach M Aziz Lahbabi

Freiheit. In jeder Sprache schwingen bei diesem Wert besondere Konnotationen mit, berühmt sind die französische Liberté und der amerikanische Freedom, und seit den arabischen Revolutionen gilt es zu überlegen, welche Bedeutungen heute und historisch bei der arabischen Hurriyah mitschwingen. Der marokkanische Philosoph Rachid Boutayeb und der deutsche Theologe, Philosoph und Islamwissenschaftler Markus Kneer überlegen dazu in ihrem gemeinsamen Vortrag zur Philosophie der Befreiung nach Mohamed Aziz Lahbabi.

In der Einleitung zur Thematik beleuchtet Rachid Boutayeb die heutige philosophische Diskussion über die Freiheit im europäischen Diskurs. Im Zeitalter des Neoliberalismus ist die Freiheit eine negative, eine dulose Freiheit (sprich: du-lose Freiheit, also eine ohne ein Du als Gegenüber), eine Freiheit, die die Anderen einzuverleiben und in die Totalität des Gehorsams einzuholen versucht. Emmanuel Mounier, eine zentrale Figur des Personalismus und einer der großen Einflüsse auf die Philosophie Lahbabis, wandte sich gegen diese eroberungssüchtige Freiheit und sprach statt dessen von der Freiheit als Befreiung.

Sodann geht es Markus Kneer um genau diesen Begriff der Befreiung in der Philosophie des Mohammed Aziz Lahbabi.

Dass „Nationen“ für ihre Unabhängigkeit kämpfen und sich vom Joch des Kolonialismus befreien, wird in vielen Denkschriften zum Freiheitskampf im Nahen Osten und in Nordafrika (z. B. in den Texten Frantz Fanons bezüglich Algeriens) hervorgehoben. Aber geht mit der nationalen Befreiung auch die individuelle und personale Befreiung der einzelnen Menschen einher? Mit dem im Arabischen Frühling 2011 aufflammenden Kampf für individuelle Rechte wurde dies deutlich verneint.

Welche politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen brauchen  Menschen, um frei zu werden? Welche subjektiven Voraussetzungen sind nötig, damit sie ihre Rechte wahrnehmen können? Mit diesen Fragestellungen setzt Lahbabi schon 1956, im Jahr der Unabhängigkeit Marokkos, seine Philosophie zur Befreiung des Menschen gegen den damals weit verbreiteten Diskurs der Befreiung der Nation. Noch bevor lateinamerikanische und europäische christliche Philosophen und Theologen das Konzept einer "Theologie der Befreiung“ entwickelten, legt er in Auseinandersetzung mit dem Denken der französischen Philosophen Henri Bergson und Jean-Paul Sartre die Grundlagen zu einer "Philosophie der Befreiung“. Angesichts der gegenwärtigen Situation im Nahen Osten und Nordafrika hat sein Ansatz, den er in seinem Buch Freiheit oder Befreiung? Ein kritischer Versuch über die Freiheit bei Henri Bergson* entwickelt, immer noch richtungsweisenden Charakter.

Vortrag in deutscher Sprache, Fragen und Diskussionsbeiträge sind auch auf Englisch und Arabisch möglich und werden von uns nach bestem Vermögen verdolmetscht.

Zum Autor:

Mohamed Aziz Lahbabi (1923 - 1993), studierte Philosophie, Physik und Arabistik an der Universität von Caen, an der Sorbonne und an der École Nationale des Langues Orientales vivantes, wurde 1959 als erster Marokkaner Professor für Philosophie an der neugegründeten Universität Mohamed V in Rabat, gründete die marokkanische Gesellschaft für Philosophie, den maghrebinischen Schriftstellerverband, den kulturellen Club „Rives méditerranéennes“ und verschiedene Zeitschriften. Von 1969 bis 1974 lehrte er in Algerien, danach wieder in Marokko und nahm an vielen internationalen Konferenzen teil. Veröffentlichungen: De l’être à la personne. Essai de personnalisme réaliste (1954), Liberté ou libération? (1956), Du clos à l’ouvert (1961), Le personnalisme musulman (1964), Ibn Khaldun (1968), Le Tiers Monde accuse (1980), La crise de modèles (1987).

 

Die Vortragenden:

Markus Kneer studierte katholische Theologie in Paderborn u. Maynooth/Irland, Philosophie und Islamwissenschaften in Münster, promovierte in katholischer Theologie über das Verhältnis von Antijudaismus und Rationalität in Paderborn, war von 2009 bis 2016 Diözesanbeauftragter für den katholisch-islamischen Dialog im Erzbistum Paderborn, und hat seit 2011 einen Lehrauftrag für Islam an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

Rachid Boutayeb, geboren 1973 in Meknes/Marokko, studierte von 1992 bis 1998 Arabistik und Islamwissenschaften in Rabat/Marokko, von 2000 bis 2006 Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften in Marburg. 2012 promovierte er in Frankfurt/Main über die Kritik der Freiheit, zur ethischen Wende bei Levinas. Er ist Dozent für Philosophie in Frankfurt/Main und als Publizist und Übersetzer tätig.

Moderiert von Cora Josting, Ibn Rushd Fund

* erschienen 2018 im Klaus Schwarz Verlag, Übersetzung: Markus Kneer

Ibn Rushd Lecture in Kooperation mit dem Klaus Schwarz Verlag

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