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Pressemitteilung Wiederbelebung des arabischen Denkens Der marokkanische Philosoph Ibn Rushd Preis für Freies Denken
2008 „Ein rückständiges Land kann den Weg einer wahrhaften
Entwicklung erst dann beschreiten, wenn die Bildung auf breiter Basis weit
vorangetrieben ist: ‚Wenn wir Hundert Rosen erblühen lassen, so werden wir
von den Früchten ernten, mehr als wir uns jemals erhofft haben’“ M. Abed
al-Jabri (Berlin)
Der diesjährige Ibn Rushd Preis wird dem großen marokkanischen
Philosophen Mohammed Abed al-Jabri verliehen, einer der führenden Denker der
arabischen Welt. Thema der Ausschreibung war in diesem Jahr „eine Studie zur
Analyse des Scheiterns der arabischen Aufklärung.“ Mohammed
Abed al-Jabri ist heute Professor für Philosophie und Islamisches Denken an
der Universität Mohammed V. in Rabat. Zuvor war er langjährig als Lehrer,
Rektor, Inspektor und Lehrbuchautor im Schulwesen und als Redakteur tätig. Er
war außerdem in der politischen Opposition engagiert, weshalb er mehrmals verhaftet
wurde. Der Ibn Rushd Preis für Freies Denken
wird in diesem Jahr zum zehnten Mal verliehen. Ganz im Geiste des
Namenspatrons Ibn Rushd (1126-1198), dem Philosophen und Vermittler zwischen den
Kulturen, widmet sich der Ibn Rushd Fund dem Recht auf freie Meinungsäußerung
und Demokratie in der arabischen Welt. Das Schwerpunktthema ist jedes Jahr
unterschiedlich. Bisher sind Preise im Bereich Journalismus, Frauenrechte,
Kritisches Denken, Politik, Philosophie, Literatur, Islamreform,
Menschenrechte und Film vergeben. In
den 50 Jahren seiner Schaffenszeit bereicherte al-Jabri die Bibliotheken mit
zahlreichen Werken und Studien zur Neuauslegung des bedeutenden arabischen
kulturellen Erbes. Al-Jabri glaubt, dass, um eine arabische Aufklärung
herbeizuführen, es unerlässlich ist, die Vergangenheit mit einzubeziehen –
nachdem wir unser Wissen über sie neu durchdacht haben – und dass das
Verständnis für die Kulturen der übrigen Welt ebenso dazu gehört. Die
schwierigen Fragen, die al-Jabri all die Jahre über beschäftigt haben, waren:
Warum haben sich die wissenschaftlichen Methoden in der arabisch-islamischen
Welt seit ihrer Hochkultur im Mittelalter bis heute nicht weiter entwickelt?
Kann man einen Aufschwung ohne aufgeweckten Geist initiieren? Al-Jabris
Herangehensweise an diese Fragen war die der kritischen, rationalen Methodik
und Erkenntnistheorie bzw. Epistemologie. Er
lehnt jene Geschichtsauslegung ab, die, wie er es nennt, auf einem
„veralteten Verständnis des
Kulturerbes“ beruht. Nach al-Jabri müssen wir unser kulturelles Erbe so
lesen, dass es zugleich die damalige Zeit widerspiegelt, aber auch für uns
heute verständlich ist. Wir müssen versuchen, unsere Zukunft aus den uns
gegebenen Verhältnissen und den Besonderheiten unserer Geschichte und
Charaktereigenschaften zu bauen. Al-Jabris
Projekt der Aufklärung des arabischen Geistes begann 1980, als von ihm
mehrere Bücher zu diesen Themen
erschienen sind. Seine Gedanken gingen über die gesamte arabische Welt, sie
wurden kritisiert und in vielen Veranstaltungen öffentlich diskutiert. In
seiner Publikationsreihe Naqd al-fikr al-arabi (Kritik des arabischen
Denkens) analysiert al-Jabri das arabische Denken, indem er die kulturellen
und sprachlichen Gegebenheiten von den Anfängen des Schrifttums bis heute
untersucht und die politischen oder ethischen Denkmuster studiert. Al-Jabri
prägte den Begriff des „al-aql al-mustaqil“ (des „Geistes, der dem Gedanken
gekündigt hat“). Damit beschreibt er konventionelle Denkmuster in einigen
Bereichen der arabischen Welt, die selbstständiges Denken verhindern und
Diskussionen um die großen zivilisatorischen Fragen meiden. Al-Jabri kommt zu
dem Ergebnis, dass das arabische
Denken einer Wiederbelebung bedarf. So erschienen in den 80er Jahren
des vergangenen Jahrhunderts die wichtigsten Werke al-Jabris, beginnend 1980
mit Nahnu wa-t-turath (Wir und unser Kulturerbe), das als Einführung
für sein vierteiliges Werk Naqd al-aql al-arabi (Kritik der arabischen
Vernunft) gelten kann: 1984 Takwin
al-aql al-arabi (Die Genese des arabischen Denkens), 1986 Bunyat
al-aql al-arabi (Die Struktur des arabischen Denkens), 1990 al-Aql
as-syiyasi al-arabi (Das politische arabische Denken), 2001 al-Aql
al-akhlaqi al-arabi (Das arabische Moraldenken). In
den berühmten langen Dialogen von al-Jabri mit dem ägyptischen Philosophen
Hassan Hanafi, gesammelt erschienen im Buch Hiwar al-mashriq wa-l-maghrib
(Ost-West Dialog),
setzten sich die beiden Philosophen mit wichtigen politischen und
gesellschaftlichen Themen auseinander. Diese Dialoge lösten heftige und weit
reichende Debatten und politische Auseinandersetzungen aus, auch als „Dialog
der Achtziger“ bekannt. In
den 90er Jahren befasste sich al-Jabri intensiver mit der Problematik des
zeitgenössischen arabischen Denkens. In einer Reihe kleinerer Abhandlungen
untermauerte er seine Kritik des arabischen Denkens: 1994 erschien
„Demokratie und Menschenrechte“, 1994
„Die kulturelle Frage in der arabischen Welt“, 1996 „Religion und Staat und
die Umsetzung des islamischen Rechts (Schari’a)“ sowie „Die Intellektuellen
der arabischen Zivilisation“, 1997 „Probleme des modernen arabischen
Denkens“. Eines der Ziele, die al-Jabri in seinem Buch „Die Intellektuellen
der arabischen Zivilisation“ verfolgte, war, der Entfremdung des arabischen
Intellektuellen von der eigenen Geschichte entgegenzutreten. Ebenso wollte er
den Missbrauch der Religion für politische Zwecke und die Bedeutung einer
unabhängigen Geschichtswissenschaft unterstreichen, indem er auf die
mittelalterlichen Auseinandersetzungen und Konflikte von Ibn Hanbal im
östlichen Teil der arabisch-islamischen Welt (Maschreq) und von Ibn Rushd
(Averroes) im westlichen Teil (Maghreb) verweist. In
diesem Zusammenhang darf darauf hingewiesen werden, dass al-Jabri sich
intensiv mit den Schriften von Ibn Rushd befasste und die kritische Edition
seiner Handschriften herausgegeben hat (ausgenommen die Kommentare zu
Aristoteles). Das Werk ad-Daruri fi s-siyasa (Das Notwendige in der
Politik), in dem Ibn Rushd das Werk Politica von Aristoteles
zusammenfasst, hat al-Jabri gemeinsam mit einem Kollegen ins Arabische zurück
übersetzt, weil es nur noch in hebräischer Version vorlag. Dabei achtete er
darauf, den zeitgenössischen Redestil von Ibn Rushd beizubehalten. Zuletzt
erschien von al-Jabri eine Einführung in den Koran (Madkhal ila al-qur’an
al-karim: at-ta’rif bi-l-qur’an) 2006 und schließlich zwei einer
dreiteiligen Koraninterpretation mit Anordnung der Suren nach der Reihenfolge
ihrer Offenbarung: Fahm al-qur’an al-hakim 2007, at-Tafsir al-wadih
hasab tartib an-nuzul 2008. Mohammed
Abed al-Jabri kann aus gesundheitlichen Gründen leider nicht nach Berlin
kommen, um den Ibn Rushd Preis persönlich entgegenzunehmen. Der Preis wird
ihm zugesandt. Die virtuelle Festrede des Preisträgers sowie eine Laudatio
von Dr. Michael Gaebel werden in deutscher und arabischer Sprache um den Mitglieder
der Jury (Kurzbiographien) Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought Christofstr.
5 76227
Karlsruhe Tel.:
0049 (0) 721-1517745 Fax: 0049
(0) 721-9158750 |