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Pressemitteilung Filmkunst als Mittel gegen Der tunesische Regisseur Nouri
Bouzid erhält den Ibn Rushd Preis für Freies Denken
2007 (Berlin)
Der diesjährige Ibn Rushd Preis wird
dem Regisseur Nouri Bouzid für seine
außerordentlich mutige, gegen Unrecht sensibilisierende Filmarbeit
verliehen, mit der er einen Beitrag leistet zum kritischen Denken in der
arabischen Gesellschaft. Ausgeschrieben
war der Preis 2007 für einen arabischen Filmemacher, der sich den Themen
Freiheit und Demokratie widmet, sich in seinem Werk mit gesellschaftlichen
und politischen Tabuthemen auseinandersetzt und damit zusammenhängende
Phänomene und Praktiken aus neuer Perspektive kritisch beleuchtet.
Nouri
Bouzid (*1945) gehört zu den profiliertesten und
erfolgreichsten Regisseuren im arabischen Raum. Aufgewachsen in der Hafen-
und Industriestadt Sfax, geht er schon als junger
Mann nach Brüssel, um von 1968 bis 1972 am Institut National Superieur des Arts du Spectacle
(INSAS) zu studieren. Er kehrt aber schon 1986
entsteht sein erster eigener Spielfilm „L`homme de cendres“ (Der Mann aus Asche), in dem es um
Homosexualität geht. Bouzid hat sexuellen Missbrauch am eigenen Leib erleiden
müssen. Sein Film wird in der offiziellen Auswahl in Cannes gezeigt und
erhält Preise auf anderen ausländischen Festivals. 1989 verarbeitet Bouzid in „Les sabots
en or“ („Holzschuhe aus Gold“) seine entwürdigenden
Erlebnisse im Gefängnis. „Unsere Gegenwart und unsere Zukunft werden von
unserer Vergangenheit in Beschlag genommen. Ich bin vergewaltigt worden, und
das war für mich eine Schande. Indem ich sie ausspreche, verwandle ich meine
Schande in Würde“ (taz, 10.9.2004). Nach Bouzids
Überzeugung dürfen Menschen nicht davor zurückschrecken, ihnen zugefügtes
Unrecht öffentlich zu machen; denn nur, wenn man den Finger in die Wunde
legt, eröffnet sich die Chance, solche Wunden zu heilen. Er nennt es „soziale
Heuchelei“, die die traditionellen Gesellschaften prägt. 1990
nimmt Bouzid in einem Kurzfilm – als Teil eines Gemeinschaftswerks mit
anderen Filmemachern – kritisch Stellung zum Golfkrieg der Amerikaner. 1992
widmet er sich wieder einem großen Projekt. Er verarbeitet das Problem
„Sextourismus“ in dem Film „Bezness“. Der Titel ist
eine Verballhornung des englischen Wortes „business“.
Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen des tunesischen Staates. Die
Regierung widerruft die Subventionen und die Dreherlaubnis in der Hauptstadt.
Erst als der Film internationale Anerkennung findet, wird er auch im
tunesischen Fernsehen gezeigt. Und
gerade das ist ein wesentlicher Ansatz für Bouzids
Kritik, dass Menschen und ideelle Werte in den modernen Gesellschaften nur
nach materiellen Maßstäben beurteilt werden. Ihm geht es um die Gefühle der
Menschen, die Verletzungen davon tragen, weil sie zwischen den scheinbar
sicheren Koordinaten ihrer soziokulturellen Verankerung und den Lockungen der
westlichen Moderne zerrissen werden. Tunesien hat eine der modernsten
Gesetzgebungen in der islamischen Welt. Fortschrittliche Gesetze und soziale
Realität aber klaffen weit auseinander. Die althergebrachten feudalen
Strukturen sind nur schwer zu durchbrechen. Eine Erklärung sieht Bouzid im
materiellen Interesse der Mittelklasse, die am status
quo festhält, weil sie gut damit lebt. In
seinem neuesten Film „Making of“ (Arabisch „Akhir film“, wörtlich = „Der letzte Film“), der 2006 auf
dem Festival von Karthago mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, widmet
sich Bouzid der Frage, warum junge Männer bereit sind, sich durch ein
Selbstmordattentat das Leben zu nehmen. In einem Interview mit Larissa Bender
spricht er von der „Verlorenheit“ der arabischen Jugend auf geistiger Ebene
und der „Verzweiflung in ökonomischer Hinsicht.“ Das bereitet den Boden für
den fundamentalistischen Islam, der die innere Knebelung in erstarrten
Gesellschaftsstrukturen und die äußere Wut über die anmaßende westliche
Politik in ihrer Region zu nutzen weiß. „Die Verantwortung ist klar im
Film…Wir alle sind verantwortlich: die Polizei ist verantwortlich, die
fehlende Freiheit ist verantwortlich, die familiäre Struktur, das Scheitern
des Ausbildungssystems…Wir alle haben den Jugendlichen vorbereitet und die Islamisten haben ihn `gepflückt`.“ Nouri
Bouzid wird aus Tunesien zur Preisverleihung am 30. November 2007 um 17 Uhr
im Goethe-Institut e.V., Neue Schönhauser Str. Ein
Empfang mit arabischem Tee, Baklava und Zeit zur
persönlichen Diskussion schließt die Feierlichkeit ab. Kurzbiographie
des Preisträgers Mitglieder
der Jury (Kurzbiographien) Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought Gitschinerstr.
17, 10969 Berlin Tel.:
0049 (0) 30-6158596 Fax: 0049
(0) 721-9158750 |