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Der
Andere
Das
Telefon läutete. Er griff nach dem Hörer und führte ihn
an sein Ohr. Deutlich hörte er ihre Stimme. Sie entschuldigte sich,
sie könne wegen einer leichten Unpässlichheit nicht kommen und
versicherte, sie werde am nächsten Tag wieder im Büro sein. Sie
wusste, dass die andere Sekretärin Urlaub hatte und dass sein Chauffeur
krank war. Er bedankte sich für ihren Anruf und wünschte ihr
gute Besserung. Dann legte er den Hörer auf und öffnete das Fenster.
Die Kühle Luftströmte
frisch und belebend herein.
Er
entschloss sich, direkt zur Bank zu gehen, um einige Finanzpapiere zu unterschreiben
und den Direktor zu besuchen, der ihn mehrmals zum Kaffee eingeladen hatte,
ohne dass er die Einladung hätte annehmen können. Er würde
auch einige arabische Zeitschriften im Stadtzentrum kaufen.
Froh,
dass die Anstrengungen des Tages hinter ihm lagen, verliess er unbeschwert
seine Wohnung. Der Frühling hatte allem seinen Stempel aufgedrückt.
Der Himmel war strahlend blau. In den Gärten spross frisches Grün.
Die Narzissen waren aus ihrem Winterschlaf erwacht. Um
dem Verkehrsstau zu umgehen, entschloss er sich, an diesem Tag sein Auto
zu Hause zu lassen und den Bus zu benutzen. Dieser Entschluss passte zu
dem Elan, den er seit dem frühen Morgen spürte. Rasch stieg er
in den Bus. Hinter ihm schloss die Tür automatisch. Er bemerkte, dass
die Fahrgäste ihn mit fragenden oder ängstlichen Blicken musterten,
als er sich auf dem einzigen freien Platz niederliess, neben einer Frau,
die eilig ihre Handtasche beiseite nahm und fest an sich presste. Er
bemerkte sogar das Pulsieren des Blutes in den Adern auf ihren Händen. Im
Stillen fragte er sich: "Was wäre, wenn ich mich neben einen Mann
gesetzt hätte? Wie hätte der reagiert?" Er stellte sich vor,
dass der die Arme über der Brust gekreuzt, sie über dem Zwerchfell
fest an den Körper gepresst und ihm einen vielsagenden Blick zugeworfen
hätte.
Unmöglich! Er
wollte sich diesen Vorstellungen nicht weiter hingeben. Er verspürte
eine Beklemmung. Eine dumpfe Unruhe überfiel ihn. Hilflos blickte
er aus dem Fenster und musterte die Gebäude und die Passanten, ein
Gewimmel von Menschen - Männer, Frauen und Kinder, die Geschäfte
betraten oder verliessen. Unzählige Autos eilten auf der entgegengesetzten
Fahrbahn vorbei. Er lenkte seine Blicke zurück in den Bus und liess
sie zwischen den Fahrgästen herumschweifen, ohne sie wirklich wahrzunehmen.
Bei einer blutjungen Frau, die im Gang zwischen den Sitzen stand, hielten
sie inne. Er war gebannt von ihr, wie ein Falter vom Licht. Ein leichtes
Zittern befiel ihn, das sich verstärkte und seinen ganzen Körper
ergriff. Fast wäre er aufgesprungen, hätte sie umarmt und gerufen:
"Monika, Monika", aber er gewann seinen klaren Verstand zurück. Was
für ein Unsinn! Wie hätte sie Monika sein können ? In
Minutenschnelle gingen ihm Erinnerungen aus den vergangenen drei Jahrzehnten
durch den Sinn - Erinnerungen an die Jugend, das Studium, das ungebundene
Leben, an die erste Begegnung mit Monika, an seine erste Liebe und seine
erste Narrheit. Ihre
Familie war strikt gegen diese Verbindung gewesen. Ihr Vater hatte diese
zum Vorwand genommen, mit seiner Familie in eine grössere Stadt zu
übersiedeln, um einen höheren Posten anzunehmen. Und er hatte
seine Tochter an eine andere Universität geschickt. Es
waren schreckliche Monaten gewesen, die ihn fast aus der Bahn geworfen
hätten. Er
blickte auf die Frau, die immer noch im Gang zwischen den Sitzreihen stand.
Fast wäre er aufgestanden und zu ihr gegangen, um sie zu fragen: "Bist
Du ihre Tochter?" Aber er beherrschte sich und blieb sitzen. "Es handelt
sich gewiss nur um eine zufällige Ähnlichkeit", redete er sich
ein. Plötzlich
fühlte er sich beruhigt und lächelte vor sich hin. Aber er konnte
seinen Blick nicht von ihr lösen. Er schaute in ihr strahlendes Gesicht
- ihre elegante Kleidung: die Farbe ihres Kleides, die Farbe der Ohrringe,
Armband und Handtasche passte. Er betrachtete sie wie ein Kunstwerk. Für
seine Sekretärin in einem multinationalen Konzern hielt er sie. Erneut
dachte er an Monika. In diesem Augenblick sah sie ihn überrascht an.
Er senkte den Blick zu ihrer Handtasche, die locker über ihrer linken
Schulter hing. Nervös wandte sie ihm den Rücken zu und begab
sich zu Tür. Als der Bus hielt, stieg sie schnell aus. Auch
er verliess den Bus. An der Strassenkreuzung spürte sie seine Schritte
hinter sich. Da eilte sie auf die andere Strassenseite, ohne auf das Rot
der Verkehrsampel, das Rufen der Passanten und das Hupen zu achten. Sie
lief Hals über Kopf davon, ohne sich umzusehen. Er
überquerte die Strasse mit den übrigen Passanten und ging auf
die Bank zu. Das Gebäude ragte hoch vor ihm auf. Er
verspürte Beklemmung und tiefe Trauer. Etwas hatte sich verändert
in dieser neuen alten Stadt - der Stadt seiner Jugend. Er hatte geglaubt,
er sei in den langen Jahren einer ihrer Bürger geworden. Mit
schweren Schritten ging er auf die Bank zu und überlegte, ob er nicht
künftig doch wieder das Auto benutzen sollte - trotz der mörderischen
Staus, die seit der Vereinigung der beiden Teile der Stadt herrschten.
Oder sollte er weiter mit dem Bus fahren, mit einem dicken deutschen Buch
unter dem Arm oder einer deutschen Zeitschrift in der Hand ? Über
diesen Gedanken musste er lachen. Zurück
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