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Bemerkungen
zum Arbeitspapier der Diplomaten
Hamid Fadlalla Zur schriftlichen Initiative der Diplomaten Dr. Jürgen Hellner, Heinz Knobbe, Peter Mende, Freimut Seidel, Dr. Arne C. Seifert und Dr. Heinz-Dieter Winter (a.D.) mit dem Titel „ Grundlinien für eine Neugestaltung des Verhältnisses Europas zu den islamischen Nachbarregionen“, möchte ich einige kurzgefasste Bemerkungen machen:
Ich bin der Meinung,
dass die Islamisten sich auf dem Rückzug befinden. Hierzu einige Beispiele:
Trotz der 16-jährigen und alleinigen Regierungszeit der National Islamic Front (NIF) im Sudan, ist das Projekt der “Reislamisierung“ und die Eskalation des Krieges im Südsudan durch Widerstand der Bevölkerung und politischen Druck von außen gescheitert. Die Organisation der Moslembrüder in Ägypten (gegründet 1928. Mutter aller islamischen und islamistischen Organisationen) ist durch eine beachtliche Zahl von Abgeordneten im ägyptischen Parlament vertreten. Hisbollah ( Partei Gottes im Libanon) ist sowohl im Parlament, als auch in der Regierung vertreten. Hamas in Palästina beteiligte sich an Kommunal- und Parlamentswahlen. Die Moderne, die Medien, die Immigration, die kulturelle Globalisierung und die Sachzwänge haben ihre Wirkung auch bei den Fundamentalisten nicht verfehlt. In dem Arbeitspapier werden die anderen
politischen Parteien, die Nationalisten, die Liberalen und die arabische
Linke, die meist für säkulare Werte stehen, völlig ignoriert
Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Niederlage gegen Israel
im „Sechs-Tage-Krieg“(1967) haben die schon erwähnten Gruppierungen
tatsächlich einen empfindlichen Rückschlag erlitten, aber sie
sind keineswegs wirkungslos geblieben. Trotz Verbot und Unterdrückung
haben sie ihre Arbeit unbeirrt weiter verfolgt, besonders in den Bereichen
Kultur und Literatur. Durch den eingeschränkten politischen Pluralismus
in Ägypten, konnte nicht nur die radikale Opposition, sondern auch
die regierungsnahen Intellektuellen und Universitätsdozenten die Politik
der Regierung offen kritisieren. Außerdem hat es durch deren Einfluss
sachliche Diskussionen und Debatten mit fundiert gestellten Fragen über
die Ursachen der Stagnation, Rückständigkeit und der Unterbrechung
der arabisch-islamischen Aufklärung (1900-1967) gegeben.
Was die Aussage betrifft, dass sich
die Demokratie nach westlichem Modell auf die moslemischen Gesellschaften
“von oben“ oder „von außen“ nicht transplantieren lässt (wie
selbst das säkulare türkische Beispiel zeigt), so kann man geteilter
Meinung sein. Betracht man zum Beispiel die Entwicklung in der Türkei:
Wenn eine islamische Partei, wie in der Türkei, durch demokratische,
friedliche und freie Wahlen an die Macht gekommen ist, und mit absoluter
Mehrheit das Land regiert, zeigt sich die Wirkung des Säkularismus
in der türkischen Gesellschaft. Das türkische demokratische Experiment
könnte als Vorbild für den Rest der islamischen Welt gesehen
werden, die bisher nur gescheiterte islamische Herrschaftssysteme vorweisen
konnte.
Das Papier beschränkt sich auf außenpolitischen und diplomatischen Handlungsbedarf der EU. Es ist jedoch notwendig, die Rolle der anderen Global Player (USA, Russland und China) zu erörtern. Die hegemoniale Rolle der Amerikaner bedarf keinerlei Erklärung. Eine Betrachtung der Rolle Russlands und Chinas ist, nicht nur wegen ihrer Rolle im Sicherheitsrat (Veto), sondern auch wegen ihrer langen wirtschaftlichen und militärischen Beziehung zu der arabischen und islamischen Welt, von großer Bedeutung. Die Russen beginnen sich nämlich langsam aus der Umklammerung der amerikanischen Politik zu befreien und suchen intensive Beziehungen zu China und Indien. Der Energiepolitik der Russen (Gas und Öl ) liegt nicht nur ein wirtschaftliches Interesse zugrunde, sondern wie jüngst auch ein Stück Machtpolitik Die EU hat durch Versagen der Troika ( Deutschland, England und Frankreich ) eine Chance verpasst, um die Krise im Iran zu entschärfen, oder gar zu lösen. Es wurden keine ernsthaften Angebote hinsichtlich der Sicherheit des Landes gegen äußere Angriffe noch über die Sicherung seiner Energiepolitik durch Forschungsarbeiten für den Einsatz von Atomkraft zur Stromversorgung für seine weitere wirtschaftliche Entwicklung gemacht. Ein Erfolg der EU wäre ein Beweis für ihre selbstständige Politik, und ein Gewinn an Gewicht und Vertrauen. Wie kann man logisch argumentieren, dass einige Länder, wie z.B. Indien, Pakistan und Israel Atomwaffen besitzen dürfen, aber der Iran nicht? Fühlt sich der Iran nicht durch die vor kurzem erwähnte Drohung des französischen Präsidenten Chirac mit dem Einsatz von Nuklearwaffen, in seinem Vorhaben bestätigt? Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, Wege zu finden, um das generelle Verbot der Atom- und Massenvernichtungswaffen zu erreichen, um eine Katastrophe für die Menschheit zu vermeiden. Es ist erstaunlich wie oft die These
von Samuel Huntington Clash of Civilizations, durch Publikationen, Diskussionen
und Zitate wie auch in diesem Papier, zitiert wird.
Eine Vertrauensbildung seitens der
EU zur islamischen Welt mit echter Partnerschaft kann nicht durch Verfolgung
eigener Interessen und Unterstützung von Marionetten despotischer
Regime, die ihre Bevölkerung unterdrücken und verachten, entstehen.
Vertrauen kann nur entstehen durch Unterstützung der Reformkräfte
in der Region, die sich um die Überwindung der wirtschaftlichen Stagnation
und um den Kampf gegen Armut, Korruption und Elend bemühen, welche
die wahren Ursachen des Terrorismus sind. Der Terror gefährdet nicht
nur den Westen, sondern auch die arabisch-islamischen Länder selbst
und muss überall entschieden bekämpft werden.
Ein offener und kritischer Dialog zwischen der EU und der jetzigen amerikanischen Regierung, die durch ihre aggressive Ökodiktatur und Kriege die Stabilität in der Welt gefährdet, ist wichtig, denn diese Politik kann nicht im Interesse der amerikanischen Bevölkerung liegen. Der reine Verlass auf die militärische Gewalt, kann den Terror verstärken, dies ist eine sehr wichtige Aussage der Diplomaten. Zu dem wichtigen Satz in dem Text „Ein europäischer Sicherheitsraum ohne die Stabilität jener Regionen (...) ist nicht machbar“ würde ich hinzufügen: Sicherheit und Frieden kann es nicht ohne Gerechtigkeit und Freiheit geben. Sicherheit kann nicht „auf Kosten der Sicherheit anderer Staaten gefestigt werden.“ Diese Bemerkungen dienen zur Erörterung
und Vertiefung dieses wichtigen und konstruktiven Beitrags der Diplomaten,
der voll von Denkanstößen mit pragmatischen Darstellungen ist
und Lösungsansätze mit großem Feingefühl und Diplomatie
bietet.
Dr. Hamid Fadlalla
Berlin, den 16.1.2006
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