FAZ 24.12.1998 Rational, doch fromm
Averroes und die islamische Vernunft: Eine Konferenz in Istanbul. 
 

ISTANBUL, im Dezember 
Averroes ist zu seinem achthundertsten Todestag sehr geehrt worden. Neben Konferenzen über ihn 1998 in Paris und Bologna fanden allein in Dezember 1998 weitere fünf Averroes-Kongresse statt: in Tunis, Marrakesch, Fez, Kairo und Istanbul. (....) Averroes scheint die Gegensätze in seinem Denken in Harmonie vereint zu haben. Er war von Ernest Renan 1852 sicher falsch interpretiert worden, doch auch in Istanbul im Schatten der Moscheen, wurde er ideologisch dienstbar gemacht. 

Auch in Berlin am Vorabend der Gedenkfeiern zu Averroes 8oo. Todestag war es ähnlich gewesen. Dort wurde am 10. Dezember 1998 ein " IBN RUSCHD-Verein" gegründet, der sich im Untertitel " FUND FOR FREEDOM OF THOUGHT" nennt (siehe F.A.Z. vom 11. Dezember 1998). Dieser Verein macht sich "die Unterstützung des freien Denkens und der Demokratie in der arabischen Welt" zur Aufgabe. Man wählte den Namenspatron, weil Ibn Ruschd sich als Vermittler zwischen der westlichen und der arabischen Welt verdient gemacht habe, und es wurde bemängelt, daß Averroes "sowohl von der christlichen, der jüdischen als auch der islamischen Orthodoxie als Häretiker verurteilt" worden sei. Wenn in einem Verein für die Kultur und Wissenschaft der Juden gesagt werden konnte, "der Kampf, der jetzt vor unseren Augen in so vielen Gemeinden Deutschlands gekämpft wird, hat bereits in der Brust des Maimonides gewogt", so scheinen jetzt die Berliner Vereinsgründer anzudeuten, daß auch der Kampf um die allgemeinen Menschenrechte schon in der Brust des Philosophen Averroes gewogt habe.

In Istanbul wurde Averroes als der muslemische Philosoph des Mittelalters propagiert, in Berlin als das Vorbild für einen modernen Kämpfer für Meschenrechte in der arabischen Welt. Das Erstaunliche an diesen Interpretationen ist, daß sie sich beide mit einem gewissen Recht auf Averroes berufen können - zumindest aber auf seine so unterschiedlichen Interpreten seit der Renaissance. Aber ein Unbehagen bleibt. 

FRIEDRICH NIEWÖHNER