Auszüge aus den Artikeln der

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG 

F.A.Z. 11.12.1998, Nr. 288 / Seite 9
"IBN-RUSCHD-VEREIN" in Berlin gegründet

wgl. FRANKFURT, 10.Dezember. Am 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinen Nationen ist in Berlin ein Verein gegründet worden, der sich um die "Unterstützung des freien Denkens und der Demokratie in der arabischen Welt" bemühen will. Die Gründer des Vereins "IBN RUSCHD e.V." sind überwiegend in Deutschland lebende Araber, die ihr Augenmerk auf die arabische Welt richten, "wo vielerorts die Menschenrechte in eklatanter Weise verletzt werden". Der Verein will das "Gespräch aller politischen Richtungen in einer Atmosphäre der freien Denkens" fördern.

Der Namensgeber des Vereins ist einer der größten Philosophen der islamischen Welt: Abul Walid Muhammad Ibn Ruschd lebte vom 1126 bis 1198 im maurischen Andalusien und in Marrakesch. Dem lateinischen Mittelalter war Ibn Ruschd unter dem Namen "Averroes" bekannt. Der Richter, Arzt und Philosoph, der lange in Sevilla und Cordoba wirkte, gilt als bedeutendster arabisch-muslemischer Kommentator der Schriften des Aristoteteles und der "Politeia" Platons. Seine Aristoteles-Kommentare trugen wesentlich dazu bei, die Philosophie der Griechen an die Denker der christlichen Scholastik weiterzugeben. Thomas von Aquin und andere Scholastiker setzten sich mit seinen Gedanken auseinander. In jenen seiner philosophischen Werke, die eigene Vorstellungen entwickeln, setzte sich der Rationalist Ibn Ruschd für eine Vermittlungen zwischen Religion und Philosophie ein - sehr zum Mißfallen orthodoxer Kreise unter der damals herrschenden Dynastie der Almohaden, die ihn vorübergehend aus Cordoba vertrieben und einen Teil seiner Schriften verbrennen ließen - Ibn Ruschd starb nach muslemischer Zeitrechnung am 9. Safar 595 der Hidschra, dem 10. Dezember 1198 christlicher Zeitrechnung, also vor genau 8oo Jahren.

Im Zeitalter eines offenbar weiter erstarkenden Islamismus, der in arabischen Staaten wie Sudan die Macht ergriffen hat und anderswo, etwa in Algerien, auch gewaltsam danach strebt, kommt der Gründung dieses Vereins große symbolische Bedeutung zu (....).

Demokratie, die diesen Namen verdient, ist im größten Teil der arabischen Welt unbekannt. Ob sich die Tätigkeit des Vereins "IBN RUSCHD e.V." zugunsten der Menschenrechte in der arabischen Welt auswirken wird, muß die Zukunft zeigen.