Pressemitteilung

IBN RUSHD 
Fund for Freedom of Thought

In Berlin wird der 
IBN RUSHD-Preis für Freies Denken erstmalig verliehen

Ibn Rushd, dem westlichen Kulturkreis besser als Averroes bekannt, lebte von 1126 bis 1198 in Andalusien und Marakesh. Der seinerzeit umstrittene und einflußreiche Philosoph und Wissenschaftler versuchte in vielen seiner Werke, zwischen Philosophie und Religion zu vermitteln. Ebenso betätigte sich als Vermittler zwischen der arabischen und der westlichen Welt, indem er griechische Philosophen wie Aristoteles kommentierte und interpretierte, um sie so der arabischen Kultur zugänglich zu machen.

Sein Einfluß auf das europäische Denken läßt sich am ehesten einschätzen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß im 13. Und 14. Jahrhundert der Averroismus ähnlich einflußreich war wie im 19. Jahrhundert der Marxismus. Nicht immer fanden seine Ideen Anerkennung, und seine Schriften wurden vielfach verboten und verbrannt.

Der Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought hat sich - ganz in der Tradition seines Namenspatrons - die Unterstützung des Freien Denkens und der Demokratie in der arabischen Welt zur Aufgabe gemacht. Anläßlich des 800. Todestages von Ibn Rushd wurde 1998 der Fund for Freedom of Thought gegründet. Nun wird zum ersten Jahrestag der Gründung am 10.12.1999 der Ibn Rushd-Preis für Freies Denken erstmalig vergeben, und zwar im Bereich Journalismus und Medien. Mit dem Preis werden journalistische Leistungen ausgezeichnet, die in der arabischen Welt zur Verbreitung des freien Denkens und der Demokratie beigetragen haben. Für das Jahr 1999 wird der Preis vergeben an den Fernsehsender Al Jazeera.

Al Jazeera bedeutet auf arabisch 'die Insel'. Der unabhängige Fernsehsender, der über Satellit sendet, entstand vor erst zwei Jahren. Trotzdem ist er bereits in allen arabischen Ländern wie auch den Arabern in der EU und in den USA bekannt. Das liegt wohl daran, daß der Sender sich sehr unterscheidet von den anderen Medien im arabischen Raum. Die Massenmedien in der arabischen Welt sind fast durchweg der Einflußnahme des jeweiligen Herrschers ausgesetzt, der sie als Legitimation und Sprachrohr seiner Politik benutzt. Ein demokratischer Diskurs über aktuelle Fragen findet nicht statt, die Opposition hat kein öffentliches Forum.

Al Jazeera TV wird von Qatar aus, dem kleinsten arabischen Land, überregional ausgestrahlt. Der private Sender nimmt sich aktueller Themen an, seien sie politischer Art und von überregionaler Bedeutung, wie der Golfkrieg oder der palästinensisch-israelische Konflikt, oder gesellschaftspolitischer Art, wie die Gleichberechtigung der Frau oder die Menschenrechte. Auch religiöse Themen werden untersucht, so Islam und Demokratie oder politischer Islam. Stets kommen Vertreter der gegensätzlichen Meinungen zu Wort. So lieferte sich beispielsweise eine jordanische Feministin ein Live-Streitgespräch mit einer ägyptischen Fundamentalistin, ein algerischer Oppositionspolitiker trat in Verkleidung auf, aber auch die islamistische Opposition Tunesiens erhält hier Gelegenheit, öffentlich ihre Ansichten und Ziele darzustellen. Die Titel der Sendungen sind Programm - Die gegensätzliche Richtung, Mehr als eine Meinung, Ohne Grenzen und Religion und Leben, um nur einige der populärsten Sendungen zu nennen.

Muhammad Jasem Al-Ali, der Programmdirektor des Senders, beschreibt die Grundsätze Al Jazeeras folgendermaßen: "Es gibt zu viele Tabus bei anderen arabischen Sendern. Wir kennen keine Tabus, unsere Zuschauer haben ein Recht auf Wahrheit." Und ein Recht, ihre Meinung öffentlich zu äußern: häufig gibt es für Zuschauer die Möglichkeit, innerhalb einer Sendung telefonisch ihre Meinung kundzutun.

Kritik erhält der Sender natürlich reichlich von allen Seiten - die einen sind nicht einverstanden, daß progressive Kräfte zu Wort kommen, diese wiederum ärgern sich, daß auch ihre ärgsten Widersacher Sendezeit erhalten. Die benachbarten Öltstaaten scheinen eine Kulturrevolution zu befürchten, denn "Al Jazeera ist wie ein Virus, der sich ausbreitet, ein Virus mit positivem Einfluß auf die Meinungsfreiheit in anderen arabischen Ländern", sagt selbstbewußt Sheik Hammad Ben Thamer Al-Thani, der Inhaber von Al Jazeera TV. Daß er Grund zu dieser Überzeugung hat, zeigt die Schließung des Büros des Senders in Kuwait, nachdem der Emir sich durch Al Jazeera TV beleidigt fühlte. Ein anderes Mal hingegen hätten die USA gerne eine Sendung verhindert, in der Usama Bin Laden interviewt wurde.

Al Jazeera TV ist eine Insel der freien Meinungsäußerung im Wortsinn. Um die Existenz dieses für die Demokratie und die freie Meinungsäußerung in den arabischen Ländern so wichtigen Mediums zu unterstützen, werden der Stellvertretende Vorsitzende Mahmoud Abdul Aziz As-Sahlawi und der Geschäftsführende Direktor Muhammad Jasem Al-Ali stellvertretend für Al Jazeera TV am 10.12.1999 in Berlin mit dem Ibn Rushd-Preis für Freies Denken ausgezeichnet.

Der Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought wird von nun an jährlich mindestens einen Preis verleihen. Im Jahr 2000 wird der Preis vergeben werden an eine Persönlichkeit, die sich besonders eingesetzt hat für die Rechte der Frau im arabischen Raum.
 

Weitere Informationen sind erhältlich unter Tel. + Fax 030 - 446 50 218, 02962 - 5162 oder unter http://www.ibn-rushd.org.

18.11.1999

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