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Arabische Welt: Souveranität wird zurückgefordert Der diesjährige Ibn Rushd-Prize für Freies Denken wird dem ägyptischen
Autor Sonallah Ibrahim verliehen. Er wird den Preis am Freitag, 26. November
2004, persönlich in Berlin entgegennehmen.
Ibrahim erhält den Ibn Rushd-Preis für
seinen langwährenden und unnachgiebigen Kampf für Meinungsfreiheit und
Demokratie in der arabischen Welt. Eine unabhängige Jury, bestehend aus fünf
namhaften arabischen Intellektuellen, erwählte den ägyptischen Schriftsteller
Sonallah Ibrahim zum Preisträger des Jahres 2004. Sonallah Ibrahim ist, von Frankreich einmal abgesehen, nicht
sehr bekannt in der westlichen Welt. In der arabischen Welt wird der Name
dieses wichtigen zeitgenössischen Schriftstellers in einem Atemzug mit Autoren
wie Naguib Mahfous und Gamal al-Ghitani genannt. Er ist nicht nur einer der
berühmtesten, sondern auch einer der kontroversesten Autoren in der
arabischen Welt, da er stetig arabische und besonders die ägyptische
Gesellschaft als undemokratisch und korrupt kritisiert. Sein erstes Buch Jener
Geruch war aufgrund der krassen Sprache und des ungeschminkten Inhalts in
Ägypten nach seiner Veröffentlichung 1966 bis 1986 verboten. Für Ibrahim ist es wesentlich, einen wirklich arabischen
Blick auf die Dinge darzustellen, und diese Haltung drückt sich auch in
seiner Sprache aus. Er verabscheut, durch den Gebrauch der Sprache der
Herrschenden korrumpiert zu werden, und bemüht sich stattdessen um eine
authentische Sprache jenseits der durch literarische Tradition vorgeschriebenen
Regeln. Das war und ist noch heute revolutionär in einer literarischen
Umgebung, die strikte Anwendung traditioneller literarischer Formen fordert,
die von Autoren erwartet, in schöner Sprache über schöne Dinge zu schreiben,
oder, wie Ibrahim sagt "nur über die Schönheit der Blumen und ihren
herrlichen Duft zu sprechen, während Exkremente die Straße füllen und Kloake
den Boden bedeckt und alle es riechen." In der Einleitung zu Jener
Geruch stellt er folgende Frage: "Erfordert nicht die Materie etwas
Häßlichkeit im Ausdruck, um die Häßlichkeit zu beschreiben, die dem Prügeln,
dem Totprügeln, eines wehrlosen menschlichen Wesens, dem Einführen einer
Luftpumpe in den After, und dem Befestigen von Elektrokabeln an seinen
Genitalien, innewohnt?" Sonallah Ibrahim verbrachte, im Zuge der häufigen kollektiven
Inhaftierung von Intellektuellen in Ägypten in den Sechzigern, mehr als fünf
Jahre im Gefängnis (1959-1964). Obwohl er eingesteht, durch die Erfahrungen
im Gefängnis für den Rest seines Lebens traumatisiert worden zu sein, gelingt
es ihm, jene Zeit aus einem positiven Blickwinkel zu betrachten. Er sieht
diese Jahre der Zwangsarbeit und Folter als seine Universität: "Von
Mitinsassen wie dem berühmten ägyptischen Autor Mahmoud Amin el-Alem und
anderen Kameraden habe ich die wahre Bedeutung von Gerechtigkeit, Fortschritt
und Liebe zum eigenen Land gelernt." Sonallah Ibrahims Texte konfrontieren die modernen
Repräsentationssysteme, die Diskurse der Macht und die Produktion von Wissen,
wobei das Hauptaugenmerk auf der Position des Intellektuellen gegenüber der
Autorität liegt. Seine Aufmerksamkeit gilt jedoch auch dem ökonomischen und
kulturellen Imperialismus, und seit seinem Roman 'Allagna' (Der
Prüfungsausschuß, 1980) setzt sich Ibrahim mit der Globalisierung und ihrem
Einfluß auf die arabische Gesellschaft auseinander. Er wirft den politischen
Entscheidungsträgern der arabischen Welt vor, amerikanische Politik zu
akzeptieren und in ihren eigenen Ländern durchzusetzen, ohne die Interessen
ihrer eigenen Völker ausreichend zu berücksichtigen. Sein jüngster Roman Amrikanli
bedeutet 'Amerikaner' in arabischem Slang, aber es kann ebenso als "Ich
war einmal mein eigener Herr" (Amri kan li) gelesen werden. Als Sonallah Ibrahim 2003 den vom ägyptischen Ministerium für
Kultur vergebenen Preis für den Arabischen Roman erhalten sollte, rief seine
öffentliche Ablehnung des Preises einen Skandal hervor. In seiner Rede, die
eigentlich die Empfangsrede hätte sein sollen, sagte er, daß der Preis
"von einer Regierung verliehen wird, der die Glaubwürdigkeit zur
Verleihung eines solchen Preises fehlt." Er arbeitet seit 1975 ausschließlich als Schriftsteller,
wobei Grundeinkommen und Unabhängigkeit durch Übersetzungen, Bücher für
Jugendliche und Kino- und Fernsehdrehbücher gesichert werden. In seinen Werken hat Sonallah Ibrahim unablässig dazu
aufgerufen, ein kritisches Bewußtsein zu bewahren und politische
Zusammenhänge und Verwicklungen zu erkennen und zu durchschauen. Seine Romane
ermutigen den Leser, Widerstand zu leisten und die beklagenswerten Zustände
nicht hinzunehmen, sondern für eine Besserung kämpfen. Sonallah
Ibrahim wird den Preis am 26. November 2004 um 17.00 Uhr im Goethe Institut,
Neue Schönhauser Straße 20, in Berlin-Mitte persönlich entgegennehmen. Der Preisverleihung
folgt eine Pressekonferenz; ein Empfang mit arabischem Kaffee und Bakhlava
und Zeit für persönliche Diskussionen schließt die Feierlichkeiten ab. Kontakt: Telefon 030-446 50 218 oder
033056-436469 Fax 030-446 50
219 oder 033056-436470 |