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Laudatio für Nasr Hamid Abu Zayd Prof. Dr. Rotraud Wielandt Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich
habe heute die große Ehre und Freude, mit Ihnen die Verleihung des
Ibn-Rushd-Preises für freies Denken an Nasr Hamid Abu Zayd zu feiern, den ich
hier zusammen mit seiner Gattin, Frau Professor Ibtihal Yunis, unter uns
begrüßen darf. Er hat sich für das Anliegen, islamischen Offenbarungsglauben
und wissenschaftliche Rationalität auf der Höhe dieser Zeit
zusammenzubringen, mit beispielhafter intellektueller Redlichkeit und
Konsequenz eingesetzt, und er und seine Frau haben dafür erhebliche
persönliche Belastungen auf sich genommen. Wir kennen Nasr Hamid
Abu Zayd heute als einen
international hoch geachteten Wissenschaftler, der seit dem Jahr 2002
den Ibn-Rushd-Lehrstuhl für Islam und Humanismus an der University of
Humanistics zu Utrecht bekleidet. Auch schon vor dem heutigen Tag sind ihm
etliche renommierte Auszeichnungen zuteil geworden, in arabischen Ländern, in
Europa und in den U.S.A.; er erhielt angesehene Stipendien und
Gastprofessuren, so war er z.B. 2000/2001 Inhaber des
Cleveringa-Gedächtnislehrstuhls für Religions- und Gewissensfreiheit an der
juristischen Fakultät der Universität Leiden, 2002/2003 Fellow am
Wissenschaftskolleg in Berlin. Sein Weg in die akademische Laufbahn ist
allerdings nicht leicht und auch nicht kurz gewesen: 1943 wurde er auf einem
ägyptischen Dorf im Nildelta geboren, wo sein Vater einen Laden betrieb. Als
er 14 Jahre alt war. starb der Vater. Kurz zuvor hatte er entschieden, dass
Nasr trotz sehr guter Schulleistungen nicht auf die Sekundarschule gehen,
sondern einen praktischen Beruf erlernen sollte, damit er die Familie
ernähren könne. Daraufhin
schloss er erst einmal eine Ausbildung als Funktechniker ab und war
dann in diesem Beruf tätig, mit seinem kleinen Gehalt für Mutter und fünf
Geschwister sorgend. Das Abitur holte er später auf dem zweiten Bildungsweg
nach. Auch während seines ganzen Studiums der Arabistik an der Universität
Kairo, das er in seinem 25. Lebensjahr glücklich aufnehmen konnte, hat er in
Wechselschicht weitergearbeitet, um die Seinen über Wasser zu halten. Dass er sich den Zugang zur Hochschule aus bescheidenen Verhältnissen
heraus so schwer erkämpfen musste, hat ihn nachhaltig geprägt: Diese
Lebensumstände haben ihn schon in jungen Jahren daran gewöhnt, das, was er
für sich selbst als richtig erkannt und sich vorgenommen hatte, auch gegen
Widrigkeiten durchzuhalten. Und sie haben ihm eine gesunde kritische Distanz
zu den Mächtigen und Privilegierten vermittelt. In der Wissenschaft, die ihm dann schließlich wunschgemäß doch noch zum
Beruf wurde, gab und gibt es für Nasr Hamid Abu Zayd ein einziges großes
Lebensthema, das ihn seit seiner Magisterarbeit niemals losgelassen hat: die
Frage nach der Beziehung zwischen dem Korantext und dessen Hörern oder
Lesern, und hier speziell nach den Bedingungen der Möglichkeit der
Rezipienten, den Koran so zu verstehen, dass er ihnen sagt, was Gott ihnen in
ihrer jeweiligen kultur- und sozialgeschichtlichen Situation sagen will.
Diese hermeneutische Grundproblematik hat er in einer Vielzahl von
Publikationen immer wieder aus neuen Perspektiven durchdacht. Ansatzpunkte boten ihm dafür zum einen die Vorstellungen, die von ganz
unterschiedlichen Strömungen und Einzelpersönlichkeiten der älteren
islamischen Tradition über das Verhältnis zwischen der Sprachgestalt des
Koran und ihrer durch die Leser zu erschließenden Bedeutung entwickelt worden
sind; sie hat er systematisch und tiefgehend erforscht. Dabei kamen theologische
Schulrichtungen wie z.B. die der Mutaziliten und der Ašariten ebenso in
seinen Blick wie das Rechtsschulhaupt aš‑Šafi’i, die islamische Mystik oder
bekannte Autoritäten auf dem Gebiet der arabischen Stilkunst, bei denen sich
Elemente einer Sprachtheorie und Semiotik finden lassen. Beim Studium alles
dessen stellte Nasr Hamid Abu
Zayd die unterschiedlichen
Denkansätze stets in ihren jeweiligen historischen Kontext, würdigte
ihre Leistung, benannte aber auch klar ihre Grenzen, wo ihm solche vorzuliegen
schienen. Hervorgehoben zu werden verdient, dass er sich dabei strikt des
sonst von muslimischen Autoren theologischer Literatur so häufig geübten
Verfahrens enthalten hat, das eigene Kulturerbe lediglich selektiv zu lesen
und zur apologetischen Untermauerung vorgefasster eigener Standpunkte
heranzuziehen. Zum anderen bezog er wesentliche Impulse aus neueren westlichen Theorien
zur Hermeneutik und Semiotik, in die er sich zunächst anhand der Werke einer
Vielzahl verschiedener Autoren eingelesen hat. Insbesondere der deutsche
Philosoph Hans Georg Gadamer mit seinem Buch „Wahrheit und Methode“ wurde ihm
dabei zu einer wichtigen Bezugsgröße. Auch das innovative Potential der
Untersuchungen des japanischen Islamwissenschaftlers Toshihiko Izutsu zur Semantik
und zugleich zum Weltbild des Koran erkannte er sofort und integrierte es in seine eigene
Theoriebildung. Auf der Grundlage der so erworbenen Vertrautheit mit einer großen Breite
ganz unterschiedlicher theoretischer Zugänge zum Phänomen des Textverstehens,
älteren arabisch-islamischen wie neuzeitlichen von Nichtmuslimen, hat er im
Laufe der Jahre einen ganz eigenständigen koranhermeneutischen Gesamtentwurf
entwickelt, den er immer weiter konkretisierte und präzisierte und an dem er
auch heute noch weiterbaut. Ich kann hier nicht jede einzelne seiner
Publikationen, in denen dieser Entwurf Gestalt gewann, ausführlich
vorstellen, möchte aber doch einige besonders wichtige unter ihnen erwähnen: Sein Erstlingswerk, die 1977 abgeschlossene Magisterarbeit, die vier
Jahre später unter dem Titel „Die rationalistische Strömung in der
Koranexegese“ (al‑Ittigah al‑aqli fi t‑tafsir) als Buch erschienen ist, untersuchte
Anschauungen der Theologenschule der Mutaziliten über das Verhältnis zwischen
den metaphorischen Aussagen des Koran und deren Bedeutungsgehalt für die
menschlichen Hörer oder Leser. Wie er dabei feststellte, gehen die
Mutaziliten im Gegensatz zu ihren ašaritischen Gegnern davon aus, dass der
verstehbare Sinn der im Koran enthaltenen sprachlichen Zeichen nicht einfach
auf einer Setzung durch Gott beruht, sondern wie alle Bedeutung von Sprache
zuvor unter den Menschen, die die Adressaten der göttlichen Botschaft sind,
durch Konvention festgelegt worden sein muss. An diese Auffassung hat er sich
später mit einer tragenden Prämisse seiner eigenen Koranhermeneutik
angeschlossen: der Grundannahme nämlich, dass sich der Koran, auch wenn der
Urheber seines Textes allein Gott ist, menschlicher Sprache bedient haben muss, um von Menschen
verstanden werden zu können. Im übrigen öffnete ihm die intensive
Beschäftigung mit den zwischen Mutaziliten und Ašariten ausgetragenen
Kontroversen über das Offenbarungsbuch und über die Konstituierung von dessen
Textverständnis bei den Lesern nach eigenem Bekunden die Augen dafür, dass
mit Debatten um den Koran, die auf den ersten Blick theologischer Natur zu
sein und sich ausschließlich um Begriffe, Definitionen und Dogmen zu drehen
scheinen, Kämpfe ausgetragen werden, in denen es in Wirklichkeit um
politische und gesellschaftliche Macht geht – ein Phänomen, auf das er dann auch in seiner eigenen
Gegenwart verstärkt sein
Augenmerk richtete und das ihn eines Tages noch persönlicher betreffen
sollte, als er zunächst ahnte. In seiner Dissertation, an der er zwei Jahre lang auch mit einem
Stipendium der Ford Foundation an der University of Pennsylvania in den
U.S.A. gearbeitet hat und mit der er 1981 den Doktorgrad erlangte, befasste
er sich mit den Ansätzen zu einer Theorie der Koranauslegung (falsafat at‑ta’wil),
die der große Mystiker Ibn al‑Arabi entwickelt hat, und mit deren Ort
innerhalb seiner Vorstellung von der Zeichenhaftigkeit des gesamten
Universums, das für den Kundigen als Manifestation Gottes selbst lesbar ist.
An Ibn al‑Arabi beeindruckte ihn unter anderem die scharfe Sicht des
Relativen, das jeder menschlichen Erkenntnis bleibend anhaftet, wenn sie
hinter die äußeren Zeichen sprachlicher wie nichtsprachlicher Art zur
göttlichen Wahrheit selbst vorzudringen sucht. Sie machte ihm vollends
bewusst, dass sich keine einzelne Koraninterpretation absolut setzen darf,
vielmehr immer auch andere ernst genommen und in Betracht gezogen werden
müssen. In die Zeit seines Aufenthalts in den U.S.A. fiel auch seine Entdeckung
der Relevanz neuerer westlicher Hermeneutik für die Theorie des
Koranverständnisses. Und während er Gadamer und Ibn al‑Arabi nebeneinander
las, wurde ihm, wie er später berichtet hat, die Richtigkeit der Einteilung
der Philosophie in eine östliche und eine westliche zunehmend zweifelhaft:
Denn allen in beiden geht es, wie er nun sah, um dieselben allgemein
menschlichen Grundfragen, so auch um die ihm besonders wichtige Frage des
Verhältnisses des Lesers zum Text, und sogar in den Versuchen, diese Frage zu
beantworten, tauchen bisweilen verwandte Motive auf. Damit bahnte sich bei
ihm die weitherzige und produktive Synthese von Gedankengut aus seiner
heimischen Gelehrsamkeitstradition und Ergebnissen der denkerischen
Bemühungen von Nichtmuslimen an, die für seine ganze weitere
wissenschaftliche Arbeit kennzeichnend geworden ist – eine Synthese, die sich
im übrigen darauf berufen kann, die Erkenntnishaltung eben jener großen
Geister wie z.B. Ibn Rushd fortzusetzen, die der arabisch‑islamischen
Wissenschaft einst eine führende Stellung in der Welt verschafft haben. Als sein bisher bedeutendstes Werk hat Nasr Hamid Abu Zayd selbst sein
Buch “Der Begriff des Textes“ (Mafhum an-nass, 1990) eingeschätzt, das er
während seiner Lehrtätigkeit an der japanischen Universität Osaka zwischen
1985 und 1989 verfasste. Die Ausgangsthese des Buches ist die, dass der Koran
wissenschaftlich gesehen zunächst einmal ein Text ist und darum für sein
Verständnis dieselben Regeln gelten wie für dasjenige aller anderen Texte.
Dass diese Auffassung auch schon einer Reihe von Autoritäten der klassischen
sunnitischen Koranwissenschaften keineswegs fremd war, belegt er mit
Verweisen auf entsprechende Aussagen, blendet allerdings auch gegenteilige
Anschauungen nicht aus. Das Textverständnis als solches erklärt er dann mit
einem Denkmodell westlicher Provenienz, das ihm durch ein Werk des russischen
Autors Jurij Lotman zur Struktur literarischer Texte bekannt geworden ist,
aber ursprünglich von dem amerikanischen Informationstheoretiker Claude
Elwood Shannon stammt. Nach diesem Modell ist das Textverständnis in Analogie
zum Empfangen von verschlüsselten Rundfunksendungen zu begreifen: Damit der
Empfänger den gesendeten Text verstehen kann, muss der Sender ihn in einem
Code gesendet haben, den der Empfänger kennt. Der geoffenbarte Korantext ist gewissermaßen eine sprachförmige
Sendung Gottes an die Menschen. Sprache bezieht ihren genauen
Bedeutungsgehalt aber grundsätzlich aus menschlichen Konventionen, in denen
der gesamte sozial- und kulturgeschichtliche Horizont derer, die die
betreffende Sprache sprechen, mit zum Tragen kommt. Von daher ist klar, dass
sich auch Gott im Koran des Sprach- und Kulturcodes von dessen ersten
Empfängern bedienen musste, um
von diesen verstanden zu werden. Deshalb ist vorauszusetzen, dass der
Korantext von den sprachlichen Ausdrucksmitteln und bis zu einem gewissen Grade auch der Vorstellungswelt
Gebrauch macht, die dem Propheten Muhammad und seinen Zeitgenossen im frühen
7. Jahrhundert auf der arabischern Halbinsel vertraut waren. Da Sprache und
Vorstellungswelt der Menschen im späten 20. Jahrhunderts und danach aber in etlichen
Hinsichten nicht mehr so beschaffen sind wie die dieser ersten Muslime, ist
es Aufgabe heutiger Interpreten, das, was Gott den Menschen im Koran sagen
will, aus dem damaligen Sprach- und Kukturcode in die Sprache und den intellektuellen Horizont der
Hörer oder Leser unserer Tage zu übersetzen. Nur so kann die Bedeutung
koranischer Aussagen für heutige Menschen verständlich gemacht und gewahrt
werden. Mit diesem hermeneutischen Modell hat Nasr Hamid Abu Zayd Raum geschaffen
für eine historische Koranexegese in dem Sinne, dass einzelne Aussagen des
Koran, die den sozialen Lebensformen und dem kulturellen Horizont Muhammads
und seiner ersten Hörer entsprachen, aber mit denjenigen heutiger Leser nicht
mehr in Einklang zu bringen sind, als zeitbedingt erkannt werden können und
darum so, wie sie dastehen, nicht mehr als gültig betrachtet werden müssen.
Wohlbemerkt bedeutet dieses Modell des Koranverständnisses aber nicht, dass
damit etwa die alleinige Autorschaft Gottes am Wortlaut des Koran bestritten
und der geschichtsgebundene Mensch Muhammad zum Verfasser des Koran erklärt
worden wäre. Das hat Nasr Hamid Abu Zayd entgegen den Darstellungen derer,
die ihn nachher des Abfalls von
der wahren Religion
bezichtigten, niemals getan. Er hat vielmehr mit seinem
hermeneutischen Konzept einen Weg dazu gewiesen, den Glauben an die wörtliche
Inspiriertheit des Koran auch angesichts der Erkenntnis aufrecht zu erhalten,
dass manche seiner Aussagen inzwischen nur noch als ein Stück Geschichte
verstanden werden können, weil sie sich in der Sprache und der
Vorstellungswelt Muhammads und seiner Zeitgenossen bewegen, die nicht mehr
diejenigen gegenwärtiger Leser
sind und sein können. Im weiteren Verlauf seiner Arbeiten hat Abu Zayd dann den Gedanken der
Geschichtlichkeit des Korantexts noch weiter entfaltet, so z.B. in einem
größeren Aufsatz aus dem Jahr 1995, der den Begriff der Geschichtlichkeit
(tarikhiyya) näher erklärt, um gängige Vorbehalte gegen ihn auszuräumen, die
auf Missverständnissen beruhen. Er hat außerdem zu bedenken gegeben, ob nicht
eine bekannte theologische Lehre aus der islamischen Tradition, nämlich die
mutazilitische Vorstellung der Erschaffenheit des Koran, eine zusätzliche
Brücke zur Anerkennung von dessen Geschichtlichkeit bilden könne. Wie Abu
Zayd zutreffend vermerkt, verbanden die Mutaziliten selbst mit der
Erschaffenheit des Koran noch nicht dessen Geschichtlichkeit. Er vermutet
aber, die letztere liege dennoch in der logischen Konsequenz dieser ihrer
Lehre. Im Jahre 1992 verhinderte an der Universität Kairo der Gutachter
Abdassabur Šahin, seines Zeichens Professor für Sprachwissenschaft und
zugleich ein populärer Kairiner Prediger, die Beförderung von Nasr Hamid Abu
Zayd zum ordentlichen Professor, und zwar mit einem grob unsachlichen
Minderheitsvotum, in dem er den Vorwurf erhob, dieser habe sich mit seinen
Auffassungen zum Korantext des Unglaubens und der Ketzerei schuldig gemacht.
Drei Jahre später kam es doch noch zu dieser Beförderung, aber da stand Abu
Zayd bereits nicht mehr im Dienst seiner Heimatuniversität, und er ist auch
seither nicht dorthin zurückgekehrt. Inzwischen hatte nämlich eine Gruppe
islamistischer Anwälte mit der Begründung, er sei von der Religion
abgefallen, und eine Muslimin dürfe nach islamischem Familienrecht nicht mit
einem Nichtmuslim verheiratet sein, eine Klage auf Zwangsscheidung seiner Ehe
mit Ibtihal Yunis eingereicht. Ich brauche hier die weitere Entwicklung nicht
im Detail zu schildern, denn sie hat weltweit die Presse beschäftigt. Nur soviel: In einer Serie von drei
Prozessen, die sich von 1993 bis 1996 über drei Instanzen hinzogen, fällte
die dritte und letzte Instanz, gegen deren Entscheidung keine Berufung mehr
möglich ist, nämlich der Kassationsgerichtshof, schließlich das Urteil, die
zweite Instanz habe zurecht auf die Scheidung der Ehe des Paares erkannt. Ein
untergeordneter Richter hat dann wenigstens dem nach ägyptischem Recht bei
Verdacht auf grobe Rechtsfehler möglichen Einspruch des Ehepaares gegen Vollstreckung
des Urteils so weit stattgegeben, dass er diese einstweilen aussetzte, und
dabei ist es bis heute geblieben. Das reichte aber weder, um den Schaden, den dieses Urteil dem
internationalen Ansehen Ägyptens zugefügt hat, ernsthaft zu mildern, noch gab es Nasr Hamid Abu Zayd und
Ibtihal Yunis die Möglichkeit zurück, in ihrer Heimat ein normales Arbeits-
und Privatleben zu führen. Schon vor dem Urteil des Kassationsgerichts hatte
es Morddrohungen gegen Abu Zayd gegeben, und Scheich Yusuf al‑Badri, der als
treibende Kraft hinter der Klage gilt, hatte den Spruch der zweiten Instanz
öffentlich mit dem Hinweis kommentiert, der Inhaber der Regierungsgewalt habe
den Apostaten auf Anordnung des Richters zu töten. Aufgrund des durchaus
realistischen Eindrucks, dass in einer solchen Atmosphäre niemand seines
Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit sicher sein und ruhig forschen
und lehren kann, hatte das Ehepaar bereits 1995 keinen anderen Ausweg mehr
gesehen, als ins Exil zu gehen. Seither lebt es in den Niederlanden. Dass der beschriebene Zermürbungsfeldzug eines bestimmten Flügels der
ägyptischen Öffentlichkeit gegen Nasr Hamid Abu Zayd und schließlich auch
seine Ehefrau überhaupt solche Dimensionen annahm, hängt nicht in erster
Linie mit seinen bisher genannten fachwissenschaftlichen Arbeiten und mit
seinen koranhermeneutischen Vorstellungen zusammen, deren tatsächliche
Beschaffenheit seine Gegner offensichtlich kaum ernsthaft zur Kenntnis
genommen hatten. Es erklärt sich vielmehr hauptsächlich daraus, dass er kein
nur um sein eigenes Fortkommen besorgter Stubengelehrter ist, sondern ein
Wissenschaftler, der auch seine Verantwortung für das Gemeinwesen kennt und
sich ihr stellt. Deshalb hatte er 1992 mit seinem Buch „Kritik des religiösen
Diskurses“ (Naqd al‑khitab ad-dini) eine kritische Analyse der aktuellen
politischen und gesellschaftlichen Rolle der wichtigsten Gruppen und
Persönlichkeiten veröffentlicht, die sich derzeit in Ägypten als berufene
Sachwalter der recht verstandenen islamischen Religion betrachten. Darin ging
er sowohl mit dem staatlich besoldeten Religionsgelehrten- und Predigerstand
Ägyptens als auch mit der islamistischen Opposition hart ins Gericht. Er
äußerte die Einschätzung, dass nicht nur der Einfluss, den derzeit in Ägypten
Islamisten ausüben, sondern auch die starke gesellschaftliche Stellung der im
Dienste des Staates stehenden traditionsgebundenen Religionsgelehrten die
Entwicklung eines freien Diskussionsklimas im Lande behindere, wie es für die
nötigen Problemlösungen erforderlich sei. Zur Begründung führte er an, beide
Gruppen hätten gemeinsam, dass sie um ihrer eigenen Machtinteressen willen
ihre jeweilige Interpretation des Koran als die allein richtige, seit jeher
und auf ewig gültige, absolut verbindliche durchzusetzen versuchten – nur
dass die Versteifung auf diesen Anspruch im Falle der staatlich bestallten
Religionsgelehrten den sie begünstigenden Status quo zementieren helfe,
während die Islamisten mit ihr einen nicht weniger unfreien neuen Zustand, in
dem dann sie das Sagen haben werden, erst noch herbeiführen wollten. In
diesem Buch und an anderen Stellen hat Abu Zayd außerdem darauf hingewiesen,
dass die von staatlich besoldeten Religionsgelehrten wie von Islamisten
häufig wiederholte traditionelle Ansicht, es gebe bei Korantexten einen
direkten Zugriff auf den darin ausgedrückten Gotteswillen, für den es keines
Aktes der Interpretation
bedürfe, und folglich dürften normative Aussagen des Koran, die sie für
hinreichend explizit halten, nicht interpretiert, sondern nur angewandt
werden, sachlich unhaltbar und für die Freiheit der Wissenschaft wie auch für
die der Gesellschaft gleichermaßen gefährlich ist. Denn da Text immer nur
wirksam werden kann, indem er auf die eine oder andere Weise verstanden wird,
führt diese Auffassung , wie er korrekt feststellte, in Wirklichkeit nur
dazu, dass diejenigen, die sie vertreten, unversehens ihr persönliches,
potentiell kritikbedürftiges Textverständnis, das sich ja nie überspringen
lässt, an die Stelle der göttlichen Wahrheit setzen und dann allzu oft
anderen mit Zwangsmitteln aufzuoktroyieren suchen. Abu Zayd hat sogar die
Formulierung gebraucht, es sei heidnisch (wathani), zu behaupten, es gebe
eine einzige vertretbare und gültige Koraninterpretation, nämlich diejenige, die
man selbst propagiere. Damit hat er in pointierter Form die durchaus richtige
Beobachtung geäußert, dass der Akt der Selbstvergottung, die in dieser
Absolutsetzung des eigenen menschlichen und damit immer auch begrenzten
Textverständnisses liegt, sich schlecht mit dem für den Islam ja zentralen
Prinzip des Monotheismus verträgt. Dass sich sowohl Islamisten als auch
einige staatlich bestallte Religionsgelehrte und Prediger durch diese
massiven Infragestellungen des von ihnen reklamierten Deutungsmonopols für
den Korantext äußerst unliebsam betroffen fühlten und vollends den von Abu
Zayd hergestellten Zusammenhang zwischen diesem Deutungsmonopol und ihren
Machtinteressen lieber nicht öffentlich erörtert gesehen hätten, lässt sich
leicht denken. Das rechtfertigt allerdings die Art ihrer Gegenwehr nicht. Gerade weil Nasr Hamid Abu Zayd auf die Unterscheidung Gottes von
selbsternannten Göttern auf Erden als Muslim großen Wert legt, lehnt er auch
undemokratische Verhältnisse und jede Form von Unterdrückung der Meinungsfreiheit
in Wissenschaft und Politik aufs entschiedenste ab. Aus dieser Haltung heraus
hat niemals nur seine eigene Freiheit eingefordert und verteidigt, sondern
stets auch die Andersdenkender.
So hat er den Militärputsch in Algerien, der den als sicher zu
erwartenden Regierungsantritt der Islamisten nach einer schon fast gewonnenen
demokratischen Wahl verhinderte, scharf kritisiert. Und er hat auch zugunsten
von Abdassabur Šahin, des Gutachters also, der mit seinem Häresie- und
Unglaubensvorwurf die ganze Kampagne gegen ihn ausgelöst hatte, Stellung
bezogen und den Schutz von dessen Recht auf Meinungsfreiheit verlangt, als
dieser – welch Ironie des Schicksals – wegen eines 1998 veröffentlichten
Buches mit dem Titel „Mein Vater Adam“ (Abi Àdam), in dem er die koranische
Schöpfungsgeschichte mit der Evolutionstheorie in Einklang zu bringen
versuchte, plötzlich selbst dem öffentlichen Vorwurf der Ketzerei ausgesetzt
war. Dass Abdassabur Šahin die Unterstützung Abu Zayds nicht recht goutierte,
verwundert nicht, kam sie für seine Begriffe doch von der falschen Seite.
Dennoch entsprach sie Abu Zayds stets bekundeten Prinzipien. Ihm ist es nie
einfach darum gegangen, seine Meinung durchzusetzen, sondern immer nur darum,
dass die Koexistenz einer Pluralität von Meinungen als legitim anerkannt und
die Freiheit zur offenen argumentativen Auseinandersetzung darüber, was
richtig ist, gewährleistet wird. Ohne Zulassung von Meinungspluralität und
freier, gegebenenfalls auch sehr kontroverser Diskussion greift, das hat er deutlicher als manche
anderen erkannt, leicht die intellektuelle Stagnation um sich, und ohne sie
sinkt in Ägypten genau wie anderswo die Chance drastisch, zukunftsfähige
Lösungen für die eigenen Probleme zu finden. Dem Koranverständnis kommt in islamischen
Ländern, deren Bevölkerung im allgemeinen noch stark in der Religion
verwurzelt ist, für die Möglichkeiten sozialer und kultureller Entwicklung
eine schlüsselhafte Bedeutung zu. Deshalb und weil, wie Nasr Hamid Abu Zayd
genau wie einst der deutsche Dichter Lessing ganz richtig konstatiert hat,
nur Gott allein über die ganze Wahrheit verfügt, kann dort gerade das
Koranverständnis von der Zulassung von Pluralität, wissenschaftlicher
Meinungsfreiheit und offener Diskussion nicht ausgespart werden. Um dazu zu
ermutigen, diesen Prinzipien wieder mehr zu vertrauen, hat Nasr Hamid Abu
Zayd auch stets daran gearbeitet, in Publikationen und Vorträgen die ganze
Breite des Meinungsspektrums sichtbar zu machen, die in der älteren
islamischen Tradition in bezug auf die von ihm erforschten Fragen existiert
hat. In der Tat hat diese Tradition in früheren Zeiten aus ihrer
Vielstimmigkeit und aus der Zulassung offener Kontroversen viel
intellektuelle Kreativität bezogen. Diese Pluralität und
Diskussionsbereitschaft ist zwar, wie Abu Zayd vermerkt hat, infolge späterer
dogmatischer Verengungen vielen aus dem Blick geraten, und heutzutage wird
sie oft dadurch verdeckt, dass Personen, die in Wirklichkeit nur ihr eigenes
Islamverständnis vertreten, in hochklingenden Worten davon sprechen, was „der
Islam“ lehre. Aber man kann und soll, dies ist seine Überzeugung, diese
Pluralität der islamischen Tradition wiederentdecken und sich ihr
Anregungspotential zum Besten aller zunutze machen. Nasr Hamid Abu Zayd setzt
dieses Bekenntnis zum Wert von Pluralität und freier wissenschaftlicher
Diskussion im übrigen auch in seine Lebenspraxis um: Er gehört, wie ich
aufgrund eigener Beobachtung sagen kann, zu den ganz wenigen mir begegneten
Hochschullehrern, die Widerspruch aus den Reihen ihrer Studenten geradezu
genießen – unter der einzigen Bedingung, dass er argumentativ begründet wird
und damit das gemeinsame Nachdenken über die im Raum stehenden Fragen
vorantreibt. Schon allein deshalb ist der von einigen seiner Gegner erhobene
Vorwurf, Abu Zayd gefährde die akademische Jugend, indem er sie mit seinen
Ideen indoktriniere, unbegründet. Er hat sie nie gefährdet, er hat sie nur
das selbständige Denken gelehrt. Gegenaktionen derer, die seine
Vorstellung von legitimer Pluralität der Koranverständnisse nicht teilen,
haben ihm schlimme Beschwernisse eingebracht. Er hat sie mit großem
persönlichem Mut getragen. Mit kompromissloser Aufrichtigkeit ist er weiter
für das eingetreten, was er selbst als richtig erkannt hatte, aber auch für
die Überwindung von gesellschaftlichen Zuständen und Mentalitäten, die, wie
er das am eigenen Leibe erleben musste, die freie Diskussion von neuen
Konzepten behindern und die Neigung begünstigen, Dissens mit
Inquisitionsmaßnahmen oder dem Ruf nach staatlichem Zwang zu unterbinden.
Woher hat er die Kraft dazu genommen? Sicher war die Beziehung zu seiner
Frau, die treu zu ihm gehalten und dafür erhebliche Opfer gebracht hat, eine
seiner wichtigsten Kraftquellen. Ich wage aber auch zu sagen: Er hat diese
Kraft nicht zuletzt deshalb aufbringen können, weil er nicht nur ein
leidenschaftlich der Suche nach der Wahrheit verpflichteter Wissenschaftler,
nicht nur ein von der Notwendigkeit des Kampfes für die Gedanken- und
Meinungsfreiheit aller überzeugter homo politicus ist, sondern zugleich ein
gläubiger Mensch, dem der Koran außerordentlich viel bedeutet. Das hat sich
nicht geändert, seit er, wie man einem autobiographischen Zeugnis entnehmen
kann, als kleiner Schuljunge im kuttab tief von dessen Rezitation ergriffen
wurde. Und nur weil das so ist, hat er sich im Bemühen um die
wissenschaftliche Absicherung tragfähiger Zugänge zum Verständnis des Koran
erheblich mehr geistige Anstrengung abverlangt als all diejenigen, die ihn im
Namen der vermeintlich einzig richtigen, das heißt konkret ihrer eigenen Art
der Koraninterpretation bekämpft haben. Für mich ist diese geistige
Anstrengung, die er aufzuwenden bereit war, um auf dem heutigen Stand
wissenschaftlicher Erkenntnis eine überzeugende theoretische Grundlage für
eine Exegese zu schaffen, die die Bedeutung des Korantexts für Menschen mit
dem sozialen und kulturellen Lebenshorizont unserer Zeit neu erschließt,
nicht nur ein Ausweis seines wissenschaftlichen Engagements, sondern auch ein
beeindruckendes Zeugnis seines islamischen Glaubens. |